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Buch-Tipp

Die Nickel Boys

18. Juni 2019

Colson Whitehead beschäftigt sich auch in seinem neuen Roman mit einem grausamen Kapitel des Rassismus im Süden der Vereinigten Staaten in den sechziger Jahren. Christine Gorny hat das Buch gelesen.

Für seinem Roman "Underground Railroad" (2016) wurde der US-amerikanische Schriftsteller mit den wichtigsten Literaturpreise seines Landes ausgezeichnet. In seinen Büchern beleuchtet er die abgründigen Seiten Amerikas. Als Afro-Amerikaner hat Whitehead dafür offenbar einen besonderen Blick. Auch in seinem neuen Roman geht es um ein grausames Kapitel des Rassismus im Süden der Vereinigten Staaten der sechziger Jahre. Christine Gorny stellt das Buch vor.

Autor/-in: Christine Gorny;Reza Vafa
Länge: 5:02 Minuten
Datum: Dienstag, 18. Juni 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Worum geht es?

Es geht um eine Besserungsanstalt für straffällige Jungen in Florida. Sie heißt das "Nickel". Die Zustände Anfang der 1960er Jahre, wie sie Whitehead beschreibt, erinnern allerdings eher an ein Zuchthaus oder einen Folterkeller als an eine Besserungsanstalt für Jugendliche. Ich musste außerdem an das Leid deutscher Heimkinder in den sechziger Jahren denken. Brutale Erziehungsmethoden und sadistischen Machtmissbrauch gab es auch hierzulande. Aber in den USA führte die Rassendiskriminierung bis 1964 offenbar zu besonderer Hemmungslosigkeit gegenüber schwarzen Schützlingen.

Beruht der Roman auf Fakten?

In einem Nachwort schreibt Whitehead, dass er sich in seinem Roman auf die "Florida School für Boys" in Marianna, Florida bezieht. Das ist eine berühmt-berüchtigte Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, die dort systematisch verprügelt, gefoltert und vergewaltigt wurden, manchmal offenbar mit Todesfolge. Whitehead hat auch Zitate der Opfer in seinem Roman untergebracht. Seine Hauptfigur, ein schwarzer Junge namens Elwood Curtis, ist allerdings fiktiv.

Wie liest sich diese Geschichte?

Sie liest sich teilweise wie eine Milieustudie der afro-amerikanischen Gesellschaft Anfang der sechziger Jahre, also noch zu Zeiten der Rassentrennung. Der sensible und reflektierte Elwood Curtis wächst in Tallahassee bei seiner Großmutter auf, nachdem seine Eltern sich aus dem Staub gemacht haben. Armut, Ausgrenzungen und Demütigungen gehören zu seinem Alltag. Selbst die Unterrichtsbücher, die die schwarzen Kinder von den weißen Schülern erben, sind mit rassistischen Botschaften bekritzelt. Allmählich aber wächst der Widerstand. Whitehead stattet seine Hauptfigur mit einer Passion für Martin Luther King aus, dessen moralische Imperative der Junge früh verinnerlicht. Martin Luther Kings Zitate, seine Visionen über ein gleichberechtigtes Leben, ziehen sich durch den gesamten Roman und bilden im Verlauf der Handlung einen immer größeren Kontrast zu Elwoods erbärmlicher Lebensrealität. Denn nachdem Elwood durch einen unglücklichen Zufall unschuldig im "Nickel" landet, beginnt für ihn ein Leidensweg, für den man allein schon beim Lesen starke Nerven braucht.  

Der Roman spielt in den 1960er Jahren in den USA, sagt uns diese Geschichte trotzdem was über unsere Gegenwart?

Die Handlung spielt in Florida, später auch in New York, wo es für Schwarze nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung, einfacher war als im Süden, ein einigermaßen gleichberechtigtes Leben aufzubauen. Es geht um das kollektive Leiden unter Rassismus und um das generelle Leiden von Missbrauchsopfern. Whitehead setzt aber auch hoffnungsvolle Akzente: vertrauensvolle Freundschaften, die sich selbst unter den unmenschlichsten Bedingungen entwickeln oder die immer wieder eingestreuten Zitate von Martin Luther King, an deren Werten Elwood sich bedingungslos orientiert. Er glaubt unerschütterlich an "die Kapazität des Menschen, sich zu bessern, und an die Kapazität, der Welt, sich selbst ins Lot zu bringen" – und auch wenn Elwood dieser Glaube letztlich zum Verhängnis wird, bleibt die Fragestellung außerordentlich aktuell. Hoffnung und Scheitern im Kampf um soziale Gerechtigkeit, das liest sich erschreckend zeitlos.

Eine Leseempfehlung?

Auf alle Fälle: Colson Whitehead präsentiert ein Stück detailliert recherchierter US-Geschichte. Er fokussiert auf das Kaputte, das Abgründige, das Brutale der amerikanischen Gesellschaft, das gern verdrängt wird. Der Roman liest sich spannend, mit originellen dramaturgischen Wendungen bis zum Schluss. Ein echter Pageturner, als Bettlektüre allerdings nur bedingt geeignet.

Infos:
Colson Whitehead: Die Nickel Boys, übersetzt von Henning Ahrens, Hanser, 224 Seiten, 23 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. Juni 2019, 11:40 Uhr

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