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Buch-Tipp

Wale und Nachtfalter

Tagebuch vom Leben und Reisen

16. April 2019

Mit dem Roman Morphin, der in den Anfangstagen des Zweiten Weltkriegs spielt, gelang Szczepan Twardoch vor fünf Jahren auch außerhalb seiner polnischen Heimat der Durchbruch. Inzwischen hat der Schlesier noch zwei weitere Romane verfasst und gilt als das literarische Aushängeschild Polens. Mit "Wale und Nachtfalter" legt er nun ein Tagebuch mit Erlebnissen und Gedanken vor – gesammelt im Urlaub, in Kneipennächten und beim Autofahren. Helge Hommers hat es gelesen.

Buchcover: Wale und Nachtfalter [Quelle: Radio Bremen]
Ausschnitt aus dem Buchcover: Wale und Nachtfalter, Rowohlt Verlag, 2019
Wir hatten nur kleine Rucksäcke mit, darin Ersatzjacken, ein bisschen Proviant, ein kleiner Gaskocher, wasserdichte Hosen zum Durchqueren der Flüsse. Auf dem Rücken Gewehr und Fotoapparat, beides für die eventuelle Begegnung mit einem Bären.

Vergessene Orte

Twardoch zieht es immer wieder an Orte, an die es kaum ein Tourist verschlägt. Wie die russische Bergbausiedlung Barentsburg auf der Inselgruppe Spitzbergen – früher eine Stadt für tausende Einwohner. Heute leben hier nur noch wenige hundert menschliche Überbleibsel der Sowjetunion – und drumherum Bären. Vielen Gebäuden fehlen die Fensterscheiben, Hühner- und Schweineställe sind leer, in den Gewächshäusern wuchern vertrocknete Tomatenstauden. Von einem Moment auf den anderen findet Twardoch sich in einem Hotel vor Cola, Bier und Fleischtaschen wieder. Im Fernseher laufen Musikvideos, in denen sich Frauen, die mehr Schmuck als Kleidung zieren, vor silbernen Luxuskarren in Moskaus Straßen räkeln.

Mit besonderem Blick

In Geschichten wie dieser zeigt sich Twardochs außergewöhnlicher Blick für die unscheinbaren Dinge, die häufig die Brücken zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit schlagen. Ebenso ist er ein aufmerksamer, ruhiger Beobachter seiner Mitmenschen. Einmal sah er einen alten Herrn, der unbeholfen zwei Plastiktüten und einen bunten Seidenschal trägt.

Mich beeindruckte die Geringschätzung, mit der er diesen Foulard um den greisen Hals gebunden hatte. Geringschätzung für die Mächtigen dieser Welt, für jene, die jung sind und schön auf andere Art, eine Geringschätzung, die es ihm verbietet, sich zum Einkaufen bei Lidl ältliche Klamotten anzuziehen...

Aufzeichnungen über den ältesten Sohn

Manche Tagebucheinträge bestehen aus wenigen Sätzen, andere sind abgeschlossene Kurzgeschichten. Den roten Faden durch die rund 250 Seiten bildet Twardochs älterer Sohn, den wir als Neugeborenen kennenlernen – mit Fingern, dünn wie die eines Frosches. Er wächst zu einem Kind heran, das wegen seines imaginären Wegbegleiters, einem Löwen, "out of context" ist, wie eine Vorschulerzieherin sagt.

Nur selten fällt Twardoch aus der Rolle des beobachtenden Erzählers und lässt sich auf Gespräche ein. Er scheint in einer wohltuend entschleunigten Welt zu leben, auf die Effizienz, Facebook und Smartphones nur bedingt Einfluss haben. Ohnehin beschränkt sich vieles in dem Buch, egal, ob Handlungen, Gedanken oder Dialoge, nur auf das Nötigste. So auch sein Humor, der häufig zynisch ist, aber immer famos, wie etwa in einem Manifest zur Frage, was sich lohnt im Leben:

... es lohnt, Zigaretten zu rauchen und all jenen ins Gesicht zu lachen, die sich feige vor Tod und Krankheiten fürchten (als wollten sie ewig leben), es lohnt, große Romane zu lesen, lohnt, zu schreiben, Geld zu verdienen und es auszugeben, lohnt zu lieben, was man mit dem Blick erfassen kann, wenn man auf den Hügel gestiegen ist.

Intime Einblicke

Die Momente mit den eigenen Kindern und den dementen schlesischen Großeltern, gehören zu den gelungensten Stellen des Buches. Die Einblicke, die Twardoch dem Leser gewährt, sind intim und schonungslos. Sie zeigen die verletzliche Seite des Schriftstellers, der den Ruf eines Dandys genießt. Wir aber lernen ihn hier als einen Menschen kennen, der schlaflos ist, den Panikattacken befallen, der zu viel trinkt, der aber auch Familienmensch ist. Manches wirkt ein wenig prätentiös. Doch das Bild, das er dadurch vermittelt, macht ihn nahbar.

Träume und Gedankensplitter

Weniger gelungen sind die Zusammenfassungen einiger seiner Träume. Während manche von ihnen es dank ihrer Skurrilität wert sind, aufgeschrieben zu werden, sind andere wohl nur für den Träumenden oder Psychologen interessant. Auch einige Gedankenschnipsel wirken deplatziert, sei es ob ihrer Belanglosigkeit oder weil sie zwischen den größtenteils gelungenen Geschichten abfallen. Das ist aber eher dem Tagebuchgenre geschuldet denn der literarischen Qualität.

Fazit

Vor allem für Leser, die schon Bekanntschaft mit Twardochs Romanen gemacht haben, bietet das Buch einen erkenntnisreichen Einblick in die Gedankenwelt und das Umfeld des Autors. Für alle, die ihn noch nicht kennen, ist "Wale und Nachtfalter" ein manchmal sperriger, aber überwiegend einladender Türöffner in das Werk eines immer noch jungen Schriftstellers, der über sich selbst urteilt:

Ich bin ein Trottel, der in Kreuzberg keinen Joint kaufen kann. Ich würde in der Sahara nach Sand suchen.

Infos:
Szczepan Twardoch: "Wale und Nachtfalter – Tagebuch vom Leben und Reisen", Rowohlt Verlag 2019, 256 Seiten, 24 Euro, als Ebook 19,99 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. April 2019, 9:40 Uhr

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