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Buch-Tipp

Das Volk der Bäume

8. März 2019

Die US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara hatte mit ihrem zweiten Roman "Ein wenig Leben" einen internationalen Bestseller gelandet. Das Buch handelt von sexuellem Missbrauch und machte die Autorin vor zwei Jahren auch hier in Deutschland bekannt. Jetzt ist ihr erster Roman ins Deutsche übersetzt worden. Er heißt "Das Volk der Bäume" und Christine Gorny hat ihn gelesen.

Buchcover: Das Volk der Bäume [Quelle: Verlag Hanser Berlin]
Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume, Verlag Hanser Berlin, 2019 [Quelle: Verlag Hanser Berlin]

Worum geht es diesmal?

Es geht auch in diesem Roman um sexuellen Missbrauch, und wie bei "Ein wenig Leben" bleibt den Lesern dabei wenig erspart – das geht wieder dicht an die Schmerzgrenze. Der Roman "Das Volk der Bäume" ist an eine historische Figur angelehnt, nämlich an den amerikanischen Virologen und Nobelpreisträger Daniel Carleton Gajdusek. Der hatte unter Ureinwohnern auf Südseeinseln geforscht und dort im Laufe der Jahre mehr als 50 Kinder adoptiert, bis er 1997 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde.

Wie verarbeitet Hanya Yanagihara diese reale Biografie?

Mit viel dichterischer Freiheit. Hauptfigur Norton Perina, ein amerikanischer Mediziner, ist auf einer fiktiven Insel in Mikronesien einem geheimnisvollen Phänomen auf der Spur. Er entdeckt tief im Dschungel eine Gruppe Ureinwohner, die anscheinend unsterblich sind. Sie haben das Aussehen von 60-Jährigen, sind aber tatsächlich mehrere hundert Jahre alt. Perina kommt ihrem Geheimnis auf die Spur und wird als Wissenschaftler entsprechend gefeiert. Überdies gilt er als sozialer Wohltäter, weil er nach und nach insgesamt 43 Kinder von dieser Insel adoptiert. Es sind Waisen oder verarmte Kinder, die bei ihm in den USA ein neues Zuhause finden, bis er schließlich – wie das reale Vorbild – wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wird.

Unsterbliche Menschen im Dschungel: Das scheint nicht besonders glaubwürdig zu sein, oder?

Diese Dschungelwelt, in die uns Hanya Yanagihara führt, wirkt insgesamt recht mystisch. Die Natur wird vermenschlicht, dafür bekommen die Eingeborenen tierähnliche Züge und zelebrieren verstörende archaische Riten. Es werden jede Menge düsterer und symbolkräftiger Bilder aufgefahren – passend zur Missbrauchsthematik.

Wie wird die Geschichte aufgerollt? Erzählt die Hauptfigur selbst?

Norton Perina erzählt sein Leben: Er schreibt seine Autobiografie, während er seine Gefängnisstrafe verbüßt. Gerahmt wird diese Biografie vom Vor- und Nachwort seines ebenfalls fiktiven Freundes. Dieser Freund ergänzt Perinas Text laufend mit Fußnoten, in denen er Ereignisse, Figuren und Orte kommentiert oder auf wissenschaftliche Artikel verweist, die vor allem die Ereignisse im Dschungel untermauern. Dadurch erhält der Roman eine Art dokumentarische Autorität. Das ist schon raffiniert konstruiert.

Wie liest sich diese Täterperspektive?

Man kommt den Denkmustern und Gefühlswelten des Täters sehr nahe. Er entlarvt sich durch seine Erzählweise. Gleich am Anfang wird seine Gefühlskälte deutlich, wenn er emotionslos den frühen Tod seiner Mutter schildert. Etwas später werden seine sadistischen Züge sichtbar, wenn er als Medizinstudent im Versuchslabor den Mäusen freudig das Genick bricht. Er ist unfähig, Nähe zu anderen Menschen aufbauen, führt ein sehr einsames Leben und versucht das dann mit zig-fachen Kindsadoptionen zu kompensieren. Sein Charakter wird psychologisch durchaus glaubwürdig entwickelt.

Fazit

Das Buch ist sprachlich unglaublich stark. Hanya Yanagihara kann bilderreich Situationen, Stimmungen und Landschaften entstehen lassen, hier vor allem die bedrohliche Dschungelatmosphäre, dieses "Purgatorium aus Bäumen". Außerdem greift der Roman hochaktuelle Themen auf: Kolonialismus- und Wissenschafts-Kritik, Jugendwahn und eine Altersforschung, nach deren neuesten Erkenntnissen wir angeblich bald unsterblich sein könnten. Und über allem steht die aus der Me-Too-Debatte bekannte Frage, inwieweit die allgemeine Lebensleistung eines Vergewaltigers überhaupt eine Relevanz haben darf.

Hanya Yanagihara beweist ein gutes Gespür für aktuelle Themen, vor allem wenn man bedenkt, dass das englische Original bereits vor sechs Jahren erschienen ist. Trotzdem war es für mich an einigen Stellen mühsam, bis zum Ende durchzuhalten. Das lag zum einen an den zeitweise endlos anmutenden Dschungel-Schilderungen, und zum anderen an der Vorliebe der Autorin, Horror-Szenarien besonders intensiv auszuschmücken. Man braucht gute Nerven für die Lektüre.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben [5:10 Minuten]

Infos:
Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume, übersetzt von Stephan Kleiner, Hanser Verlag, 480 Seiten, 25 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. März 2019, 14:40 Uhr

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