Livestream

Bremen Zwei Rubriken Neue Bücher

Buch-Tipp

Die Unsichtbaren

7. Oktober 2019

Der norwegische Autor Roy Jacobsen zählt zu den großen, mit vielen Preisen ausgezeichneten Autoren in seinem Land. Bevor sich Jacobsen Anfang der 1990er Jahre ganz auf das Schreiben konzentrierte, hat er in vielen anderen Berufen gearbeitet, am längsten, vier Winter, als Walfänger auf den Lofoten. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt die Romantrilogie "Die Unsichtbaren". Holger Heimann hat sie gelesen und mit dem Autor gesprochen.

In seiner Insel-Saga erzählt der norwegische Autor Roy Jacobsen vom rauhen Leben einer Familie auf einer winzigen Schäreninsel. Alles ändert sich, als ein russischer Kriegsgefangener die Insel erreicht. Holger Heimann hat das Buch gelesen und mit dem Autor gesprochen.

Autor/-in: Holger Heimann;Andree Pfitzner
Länge: 4:38 Minuten
Datum: Montag, 7. Oktober 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

"Die Unsichtbaren"

Das sind die Mitglieder eine Fischerfamilie, die abgeschieden von der übrigen Welt auf einer kleinen Insel namens Barrøy in Nordnorwegen lebt. Jacobsen erzählt von den Urgewalten der Natur und dem harten Alltag auf dieser Insel, dem die Bewohner mit stoischer Gelassenheit und geduldiger Arbeit begegnen. Es sind die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, doch das Inselleben ist eines jenseits der Zeit, reduziert auf das Notwendige und Existenzielle. Dazu der Autor:

Barrøy ist eine Erfindung oder ein Konzentrat von 1.000 Inseln, die so ähnlich sind. Ich kenne diesen Lebensstil, ich bin damit aufgewachsen. Als Kind musste ich jeden Sommer dahin, mit meiner Schwester. Wir haben es Urlaub genannt, aber es war natürlich ein Arbeitslager. Wir mussten meinem Großvater helfen, bei der Heuernte, beim Fischen. Wir hatten keine Elektrizität damals als ich klein war.

Roy Jacobsen über seine Kindheitserfahrungen

Ein Mikrokosmos

Die Hauptfigur ist Ingrid, zu Beginn des Romans ist sie ein junges Mädchen, das nur diese Insel kennt. Es wird wenig geredet auf Barrøy. Ingrid lernt weniger durch Erklärungen, sondern vielmehr durch Anschauung. Das Meer definiert die Bedingungen für alle. Wenn sich "wütende Wände aus Wasser" auf das Land zuwälzen, scheint die Insel unterzugehen. Aber es ist nicht die Gewalt des Meeres, die alles mit sich reißt, sondern der Zweite Weltkrieg

Nichts bleibt wie es war

Mit dem Einbruch des Zweiten Weltkrieges in das friedliche, abgeschiedene Inselleben wird auch der ruhige Textfluss aufgebrochen – im zweiten und dritten Teil der Trilogie. Es beginnt damit, dass ein russischer Kriegsgefangener schwerverletzt auf Barrøy angespült wird. Ingrid pflegt ihn gesund und beide kommen einander näher. Aber dann werden die deutschen Besatzer auf die Insel aufmerksam, der Mann verschwindet. Nach Kriegsende folgt Ingrid, die gerade geborene Tochter vor den Bauch gebunden, der Spur des Verschollenen durch ein anderes, ein versehrtes Land. Jacobsen zeigt eindrucksvoll, was der Krieg mit den Menschen und aus den Menschen gemacht hat und erklärt:

Eine Okkupation bedeutet, dass viele danach nachdenken müssen: Habe ich genug getan, habe ich mich wie ein Opportunist verhalten, habe ich nur auf meine Kinder aufgepasst, habe ich Geld verdient? Nach einer Okkupation ist man dreckig, viele Leute sind dreckig, auch die, die nicht für die Okkupation verantwortlich waren. Die Gesellschaft braucht eine Generation oder zwei, drei Generationen, um zu verkraften, was da los war.

Roy Jacobsen

Ein aktuelles Thema

Die deutsche Okkupation beschäftigt die Norweger noch immer. Es geht in dieser lebhaften Diskussion vor allem um die Rolle, die die Einheimischen gespielt haben – einige kollaborierten, andere haben sich arrangiert, manche haben Widerstand geleistet. Es scheint so, als könne erst jetzt offen, ohne Tabus über all das gesprochen werden.

Fazit

Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über den Krieg. Vor allem aber macht Jacobsens ungemein bildstarker Roman eine vergangene Zeit erfahrbar; er erzählt von einem rauen, einfachen Leben, das weit weg ist von unserem komfortablen Dasein und das deswegen doch einen ganz eigenen Reiz entwickelt.

Infos:
Roy Jacobsen: „Die Unsichtbaren. Eine Insel-Saga“. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. C.H. Beck Verlag, 614 Seiten, 28 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. Oktober 2019, 11:40 Uhr

Bremen Zwei