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Buch-Tipp

Technophoria

23. März 2020

Der Journalist und Autor Niklas Maak gilt als einer der führenden Experten in Sachen Architektur, Kunstgeschichte und Philosophie. Sein besonderes Interesse gilt der Zukunft der Städte. Als Niklas Maak 1998 zu den Entwurfstheorien von Le Corbusier und Paul Valéry promovierte, war allerdings nicht abzusehen, wie grundlegend sich das Zusammenleben der Menschen durch die digitale Revolution verändern könnte. Diesem Thema hat er nun seinen neuen, spannenden Roman gewidmet. Sophie Anggawi stellt das Buch vor.

In seinem Roman wirft Niklas Maak einen spannenden Blick auf kommende Technologien und Herausforderungen, die das Zusammenleben der Menschen grundlegend verändern könnten. Sophie Anggawi stellt das Buch vor.

Autor/-in: Sophie Anggawi
Länge: 3:17 Minuten
Datum: Montag, 23. März 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Machtverschiebung

Die Firmen hatten geputscht, der Staat hatte den großen Bewusstseinskonzernen seine Kompetenzen, seine Rolle als Erzieher, als Maßregeler abgetreten, ein kommerzielles Unternehmen definierte jetzt, was richtig und was falsch ist. Der Staat hatte aufgeben.

Valdemar Turek arbeitet für einen dieser datensaugenden Konzerne. Sein Chef, Alexander Driessen, will die Welt durch Smart Cities umbauen, vollkommen revolutionieren, in Ägypten ein Binnenmeer entstehen lassen, alle Klimaprobleme lösen. Aber es geht ihm dabei nicht um eine Vision der Zukunft, um eine neue und bessere Welt, wie es beim Technik-Idealisten Turek der Fall ist. Driessen will Geld machen. Die Modellstadt steht bereits.

Die neuen Häuser, die Städte selbst, waren Roboter, durch deren Körper die Bewohner wie Blutkörperchen gepumpt wurden und so, durchgehend überwacht und gelenkt, das System mit Daten und anderen Nährstoffen versorgten und am Laufen hielten.

Die Diktatur der Algorithmen lenkt die Menschen durch ihre Wohnungen, durch ihre Städte, durch den Verkehr. Sanktioniert wird, was den Ablauf stört. Die Smart City hat keine moralischen Werte. Sie kennt nur Regeln, keinen Anstand.

Während die Roboter und Algorithmen immer rascher dazulernen, bald selbst zu denken beginnen, werden die Menschen zu Datensklaven. Sie lassen sich von ihren Handys und smarten Uhren ihr Leben diktieren, werden selbst zu Maschinen:

Sie feierten einen neuen Rausch der Verausgabung, die neue Härte und Glätte und Kälte, die ihre Körper, vorangetrieben und beobachtet von Apps und Sensoren, entwickelten.

Gefangen in der Algorithmen-Diktatur

In Niklas Maaks Roman geht es um die Menschen, die ihr Leben und ihre Liebschaften durch diese Behaviourkratie navigieren müssen. Es geht um diejenigen, die aus der Algorithmen-Diktatur aussteigen wollen, und um diejenigen, die an diesem Weltumbau tüfteln. Protagonist Turek beispielsweise kann oder will die Fehler in der Anlage des neuen Weltsystems nicht sehen. Er ist verzaubert vom Anblick der Datenserver, der Racks:

Was dort im blauen Dämmerlicht lag, war eine posthumane Welt und das Humanste überhaupt, das kollektive Denken der Menschheit, die Gesamtheit aller Meinungs- und Gefühlsäußerungen, alles, was der Mensch je äußerte, Anrufe, Kurzmitteilungen, Botschaften, E-Mails, Facebook-Likes, Kommentare, Romane, Fotos, Musik. [...] die Totalität des Denkens und Lebens war dort gelagert in den endlosen, zu Alleen und Blocks zusammengestellten Regalen voller Serverracks, deren Kontrollleuchten unverständlich schimmerten. Totale Schönheit, totale Ordnung.

Beeindruckender Blick in die Zukunft

Niklas Maak beleuchtet in seinem neuen Roman ‘Technophoria’ die heutige Welt in all ihren Facetten. Er spinnt die Ansätze des anlaufenden Tech-Totalitarismus weiter und befasst sich mit den ethischen Grundfragen, die uns eigentlich schon heute tangieren, deren Beantwortung wir aber immer wieder auf morgen verschieben. "Technophoria" ist beeindruckend, ist lesenswert, weil der Roman eine Zukunft beschreibt, in der wir heute schon leben.

Infos:
Niklas Maak: Technophoria, Hanser Verlag, 23 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 23. März 2020, 12:40 Uhr

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