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Herkunft

18. März 2019

Das neue Buch des im ehemaligen Jugoslawien geborenen Saša Stanišić ist erschienen. Darin schreibt er über die Bedeutung von Geburtsort, Sprache und Familie anhand seiner eigenen Familiengeschichte. Burcu Arslan hat es bereits gelesen.

Das neue Buch des im ehemaligen Jugoslawien geborenen Saša Stanišić ist erschienen. Darin schreibt er über die Bedeutung von Geburtsort, Sprache und Familie anhand seiner eigenen Familiengeschichte. Burcu Arslan stellt das Buch vor.

Autor/-in: Burcu Arslan;Reza Vafa
Länge: 4:11 Minuten
Datum: Montag, 18. März 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Worum geht es?

"Herkunft" ist ein autobiografischer Roman. Saša Stanišić erzählt, wie er mit seinen Eltern vom ehemaligen Jugoslawien aus Višegrad nach Heidelberg kam. Als der Vielvölkerstaat auseinanderbrach, gelang der Familie die Flucht nach Deutschland. Diese Familiengeschichte erzählt Stanišić nicht komplett stringent. Vielmehr springt er in Zeiten und Orten. Manchmal sind es Fragmente, aus denen sich einzelne – oft auch kurze – Kapitel in seiner Erzählung entwickeln. Manchmal wird er konkreter. Zum Beispiel wenn er von seiner Reise nach Oskorusa, erzählt, ein Bergdorf, aus dem sein Großvater stammte. Alte Verwandte fragen ihn, woher er, Saša Stanišić, selber stammt. Für ihn eine völlig sinnfreie Frage. Für die Verwandten eine klare Antwort: von hier, aus dem Bergdorf Oskorusa. Und das macht es so besonders: Die immerwährende Frage, woher man kommt, woher er selber kommt und die Antwort, die nicht eindeutig ausfällt – nicht eindeutig ausfallen kann. Weil er ein Gemisch ist, aus den vielen Geschichten und Herkunftsorten der Vorfahren.

Damit ist das Buch ja mitten in der aktuellen Debatte über Menschen mit Migrationshintergrund und die Frage, woher man kommt. Ist das bewusst so gewählt?

Ja, die Debatte ist gerade hochaktuell und beschäftigt viele Menschen. Was ist die Definition von Herkunft, woher stammen meine Eltern, welche Sprache spreche ich. Und Stanišić setzt genau da an und versucht ein Buch zu liefern, das an diese Diskussion anknüpft. Der 41-Jährige erzählt dabei seine persönliche Geschichte und die seiner von Krieg und Flucht zerrissenen Familie, und das macht es so greifbar: Was macht das mit einem Menschen, wenn man sich als ein Teil eines Vielvölkerstaats sah, Familien sich nicht durch Religion oder Herkunft definierten und doch plötzlich genau diese Frage im Raum steht? Saša Stanišićs Mutter ist übrigens Muslimin, der Vater Serbe und Christ. Auch Sašas inzwischen demente Großmutter spielt eine wichtige Rolle im Roman.

Wie kann denn eine demente Großmutter Antworten geben auf die Frage: Wo komme ich her?

Stanišićs besucht sie in Bosnien, wo sie lebt. Sie hält ihren Enkel manchmal für ihren Ehemann, der längst verstorben ist. Aber durch ihre wenigen oder lückenhaften Erinnerungen und Stanišićs Erinnerungen sowie seine fiktiven Ergänzungen kommt es zu einem Punkt im Buch, wo der Leser selbst entscheiden kann, wie die Geschichte weitergehen soll. Soll Saša seiner Großmutter erzählen, dass ihr Mann verstorben ist oder soll er sie in dem Glauben lassen, er sei sein Großvater?

Fazit

Ich fand es spannend, als Leserin genau das mal auszuprobieren, muss aber zugeben, dass das hin und her blättern im Buch manchmal etwas anstrengend war. Genau in der Zeit, als dieses letzte Kapitel im Buch "Herkunft" entsteht, stirbt Stanišićs Großmutter. Das ist wiederum das traurige, reale Ende der Geschichte.

Infos:
Saša Stanišić: Herkunft, Luchterhand Verlag, 360 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. März 2019, 12:40 Uhr

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