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Buch-Tipp

Sabrina

30. Oktober 2019

Ausgerechnet ein Comic sorgt in der literarischen Welt für Aufsehen. 2018 war er für den wichtigsten britischen Literaturpreis nominiert, den "Booker Prize". Jetzt gibt es den Comic, der den Nerv der Zeit trifft und das Klima von Schwarz-weiß-Denken und Fake News hinterfragt, auch auf Deutsch. Gerade hat das "Literarische Quartett" die Graphic Novel "Sabrina" des amerikanischen Autors Nick Drnaso auf der Frankfurter Buchmesse besprochen. Kerstin Burlage hat mit dem Autor gesprochen und stellt sein Buch vor.

Ein Mann steht neben einem Kunstwerk [Quelle: Radio Bremen, Kerstin Burlage]
Nick Drnaso steht neben einem seiner Kunstwerke. [Quelle: Radio Bremen, Kerstin Burlage]

Nick Drnaso: Sabrina [3:42 Minuten]

Dunkler Vollbart, Käppi und ein schüchternes Lächeln: Wie Nick Drnaso so vor all seinen Zeichnungen steht, die an den Wänden aufgehängt sind, macht er nicht den Eindruck, als fühle er sich wie ein Comic-Star. Der 30-Jährige zeigt seine Bilder in einer Ausstellung im Rahmen eines jährlichen Comic Festivals in Hamburg: Originale – alle von Hand gezeichnet. Es sind Szenen aus dem Comic "Sabrina". Sie spielen oft in geschlossenen Räumen – in symmetrischen Zimmern und Fluren, die tief und leer sind, dass die Figuren darin verloren wirken. 2014, erzählt Nick Drnaso, hat er begonnen, sie zu zeichnen.

Ich hatte da gerade meine Frau frisch kennen gelernt und habe angefangen, mich zurückzuziehen, hatte soziale Ängste. Und ich hab mich mit vielen negativen Dingen beschäftigt, hatte so einen Drang, Sachen über Verbrechen und Terroristen und alle möglichen grausamen Sachen zu lesen. Und sowas verzerrt den Blick auf die Welt.

Nick Drnaso

Erschreckend

Die Welt, wie er sie in "Sabrina" zeichnet, erschreckt: Sabrina selbst lernt man darin nur auf den ersten paar Seiten kennen. Dann ist sie verschwunden – ermordet. Ein Trauma für ihre Schwester Sandra und für Sabrinas Lebensgefährten Teddy. Ihn reißt es in eine tiefe Depression und er sucht Unterschlupf bei Calvin, einem alten Schulfreund. Der arbeitet als Pilot bei der Luftwaffe und wurde gerade von seiner Familie verlassen.

Dann wird klar, dass Sabrina auf besonders grausame Weise ermordet wurde: Ein Video der Tat kursiert im Internet – und bald auch alle möglichen Anschuldigen und Verschwörungstheorien. Sabrinas Schwester bekommt schließlich Morddrohungen per E-Mail:

Deine Anschrift ist im Netz. Wir erkennen langsam die Wahrheit. Ich bin bewaffnet und vorbereitet. (…) den angeblich gesicherten Quellen glaub ich gar nichts. Warum sollen wir Deine Geschichte glauben? Die ganze Sache ist Fake, eine verdammte Lüge (…) – wo ist sie?

(Aus dem Buch)

Teddy, Sandra und Calvin bewegen sich durch ihren Alltag aus Grau- und Beigetönen. Obwohl sie freundlich zueinander sind, wirken sie wie erstarrt in ihrer Trauer. Nick Drnaso hat sie mit ganz einfachen Strichen gezeichnet, die fast an Piktogramme erinnern.

Die Paranoia wird spürbar

Cover: Nick Drnaso (Text und Zeichnungen): „Sabrina“, erschienen bei Drawn & Quarterly, Montreal [Quelle: Nick Drnaso / Drawn & Quarterly]
Nick Drnaso (Text und Zeichnungen): „Sabrina“, erschienen bei Drawn & Quarterly, Montreal [Quelle: Nick Drnaso / Drawn & Quarterly]

Die Augen sind Punkte, auf Mimik verzichtet der Künstler fast ganz und macht sie damit eigentümlich beziehungslos. Aber gerade deswegen wird man beim Lesen förmlich eingesogen von der Atmosphäre des Comics: einem subtilen Gefühl von Bedrohung und Misstrauen. Und schließlich ertappt man sich selbst dabei, eine der Figuren zu verdächtigen, kann die kollektive Paranoia förmlich spüren. Eine Paranoia, von der Nick Drnaso denkt, dass sie tief in der US-amerikanischen Kultur verwurzelt ist:

Einfach, weil sie schon so gegründet wurde. Die allerersten Siedlern waren paranoid, weil sie immerzu Angst hatten vor den amerikanischen Ureinwohnern und das ging bis zum Genozid. Später folgte die Angst vor Hexen, dann vor den Kommunisten, jetzt vor den Terroristen und vor Mexikanischen Einwanderern.

Nick Drnaso

Dennoch sagt Drnaso, er habe "Sabrina" nicht unbedingt als gesellschaftskritischen Comic gezeichnet, sondern eben, um seine eigenen Ängste zu verarbeiten. Dass der Comic nun so viel Erfolg hat, berührt ihn fast unangenehm:

Ich bin froh, dass das Buch in der Vergangenheit liegt, weil es bei mir keine guten Erinnerungen weckt. Auch wenn die Arbeit daran Spaß gemacht hat. Es hinterlässt ein kaltes Gefühl.

Nick Drnaso

Mit einem kalten Gefühl muss auch rechnen, wer "Sabrina" liest. Aber das ist eben das ganz Besondere an dieser Graphic Novel: Sie vermag es, tief zu bewegen  – und berührt dabei ganz nebenbei die großen Fragen unserer Gesellschaft. Zum Beispiel die, wo eigentlich Wahrheit aufhört und Lüge anfängt.

Infos:
Nick Drnaso: Sabrina, erschienen bei Blumenbar, aus dem Amerikanischen von Karen Köhler und Daniel Beskos, Hardcover, 205 Seiten, 26 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 31. Oktober 2019, 11:20 Uhr

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