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Buch-Tipp

Losing Earth

18. April 2019

Zum "Earth Day", dem "Tag der Erde", soll auf der ganzen Welt auf die Umweltverschmutzung und den Klimawandel aufmerksam gemacht werden. Themen, zu denen es inzwischen auch unzählige Bücher gibt. Das Buch von Nathaniel Rich sorgt gerade für besondere Aufmerksamkeit, einem Journalisten, der für die New York Times schreibt, aber im Süden der USA lebt. Dort, in Louisiana, kann er die Folgen des Klimawandels praktisch hautnah miterleben. In erster Linie dadurch, dass die Wasserspiegel in der Region – zum Beispiel in sensiblen Sumpfgebieten – langsam aber sicher ansteigen. Seine These: die Menschheit hätte den Klimawandel bereits vor 30 Jahren stoppen können. Christian Erber hat das Buch gelesen.

Die Menschheit hätte den Klimawandel bereits vor 30 Jahren stoppen können, so lautet die These von Nathaniel Rich. Darüber schreibt er in seinem aktuellen Buch.

Autor/-in: Christian Erber
Länge: 3:51 Minuten
Datum: Montag, 22. April 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Zwei Jahre lang hat Nathaniel Rich für sein Buch recherchiert und mehr als 100 Interviews mit Experten geführt. Aus dem gesammelten Material hat er einen Polit-Umweltkrimi rekonstruiert, der sich in den Jahren 1979 und 1989 abspielt. Schon damals, zeigt Rich, schlagen Wissenschaftler Alarm. Weil sie die desaströse Beschleunigung der Erderwärmung erkannt haben und wissen, dass die Zukunft des Planeten auf dem Spiel steht, wenn man weiterhin unbeteiligt zusieht. Und er behauptet: Das alles hätte damals verhindert werden können. 

Wir hätten die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius stoppen können. Und damit die Erde – wie wir sie jetzt kennen – erhalten.

Einigkeit war groß

Nie wieder in der Geschichte der internationalen Politik, so Rich, sei die Gelegenheit so günstig gewesen, ein staatenübergreifendes Bündnis gegen den Klimawandel auf die Beine zu stellen. Zwar nicht von heute auf morgen, aber immerhin innerhalb eines Jahrzehnts. Von Leugnern des Klimawandels damals noch keine Spur. Im Gegenteil: ob in der Wirtschaft, der Wissenschaft und in der Politik: überall habe Einigkeit geherrscht, dass Handlungsbedarf besteht. Sogar im Weißen Haus, wo der Republikaner George Bush Senior Sätze wie diese sagt:

We all know, that human activities are changing the atmosphere in unexpected and unprecedented ways. Much remains to be done. Many questions remain to be answered. And together we have a responsibility to ourselves and the generations to come to fulfill our stewardship`s obligations.

Vertrag gescheitert

Jeder wisse, so Busch, dass der Mensch mit seinem Handeln das Klima maßgeblich und in beispielloser Weise beeinflusse. Weshalb man die Pflicht habe – im eigenen und im Interesse der künftigen Generationen – dagegen vorzugehen. Ähnliche Worte kommen aus London. Premierministerin Margaret Thatcher fordert ein globales Klimaabkommen. Die Gelegenheit dazu bietet sich Anfang November 1989 in Noordwijk. Delegationen aus mehr als 60 Ländern kommen in den niederländischen Küstenort, um einen Vertrag zu unterzeichnen, der unterschriftsreif auf dem Tisch liegt. Mit der Verpflichtung, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 einzufrieren. Doch die Amerikaner zögern, berichtet Rich:

Als morgens noch immer verhandelt wird, trifft der schwedische Umweltminister auf dem Gang ein paar amerikanische Umweltaktivisten und ruft, 'Eure Regierung lässt gerade alles platzen!' Und da wird klar: es wird keinen Vertrag geben!

Auch die Tagesthemen berichten an diesem Abend – allerdings nur mit einer kleinen Meldung, denn die Deutschen sind gerade mehr mit eigenen Dingen beschäftigt. Dem sich ankündigendem Fall der Berliner Mauer.

Provozierend

Ein Scheitern in letzter Sekunde, quasi auf der Zielgeraden. Aber wer hat das zu verantworten? Eine eindeutige Antwort bleibt Nathaniel Rich schuldig. Als Hauptverdächtigen präsentiert er John Sununu. Der Stabschef von US-Präsident Bush bezweifelt von Anfang an, dass ein solches Abkommen im Interesse der amerikanischen Wirtschaft ist. Nicht die einzige These, mit der der Autor polarisiert. Auch seine Behauptung, Ende der 1980er Jahre hätten geradezu perfekte Bedingungen geherrscht, um den Klimawandel aufzuhalten, provoziert Widerspruch. Zum Beispiel bei der Globalisierungskritikerin Naomi Klein. Sie verweist darauf, dass die neoliberalen, wirtschaftsfreundlichen Kräfte damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen, weshalb ein solches Abkommen undenkbar gewesen sei. 

Fazit

Lesenswert ist "Losing Earth" trotzdem, da es ein spannendes Kapitel internationaler Politik beleuchtet, das nahezu in Vergessenheit geraten ist. Eine gewisse Leidensfähigkeit sollte man aber mitbringen. Denn am Ende steht die Erkenntnis: es gab eine Zeit, in der die Chance, den Planeten zu retten, zumindest deutlich besser stand als heute. Eine Chance, die leichtfertig verspielt wurde und vermutlich nicht wiederkommt.

Infos:
Nathaniel Rich: Losing Earth, aus dem Englischen übersetzt von Willi Winkler, Rowohlt, Berlin 2019, 240 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. April 2019, 12:50 Uhr

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