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Buch-Tipp

Wo wir zu Hause sind

Die Geschichte meiner verschwundenen Familie

15. Februar 2019

Seine Familie sucht man sich nicht aus, heißt es. Was aber, wenn man nicht so viel über die eigene Familie weiß? Wer sind diese Menschen, wie geht es ihnen heute? Der Berliner Journalist Maxim Leo hat schon immer große Familien beneidet und hat sich auf die Suche gemacht nach seiner jüdischen Großfamilie. Nun ist ein Buch darüber erschienen mit dem Titel "Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie". Ziphora Robina hat es gelesen.

 

Seine Familie sucht man sich nicht aus, heißt es. Was aber nun, wenn man nicht so viel über die eigene Familie weiß? Wer sind diese Menschen, wie geht es ihnen heute? Der Berliner Journalist Maxim Leo hat schon immer große Familien beneidet und hat sich auf die Suche gemacht nach seiner jüdischen Großfamilie. Nun ist ein Buch darüber erschienen mit dem Titel "Wo wir zu Hause sind – Die Geschichte meiner verschwundenen Familie". Ziphora Robina hat es gelesen.

Autor/-in: Ziphora Robina
Länge: 4:01 Minuten
Datum: Freitag, 15. Februar 2019
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

Gab es einen Auslöser, einen Grund, warum Maxim Leo sich auf die Suche nach der Vergangenheit seiner Familie gemacht hat? 

Wenn, dann war es vielleicht die Hochzeit seines Bruders. Da kam die Großfamilie Leo zum Feiern zusammen. Und Maxim Leo merkt, dass eine Frage seine entfernten Verwandten umtreibt. Nämlich: Warum können wir nicht alle in Berlin leben? Also: Was wäre gewesen, wenn ihre Ur-Großeltern und Großeltern nicht aus Nazi-Deutschland hätten fliehen müssen? Und was hat diese erste Generation der Leos im Ausland erlebt? Das hat ihn neugierig gemacht, und so begann seine Reise. 

Seine Familie stammt aus Berlin, Maxim Leo lebt heute auch in der Hauptstadt, wohin hat es ihn verschlagen bei seiner Suche?

Erst mal nach Paris, dorthin sind Teile der Familie zuerst geflohen, als sie in Deutschland nicht mehr sicher waren. Da erwähnt Leo nebenbei, wer so alles im Haus seiner Verwandten ein- und ausging: Der Journalist Egon Erwin Kisch oder die Philosophin Hannah Arendt zum Beispiel. Die Emigranten, so hieß es, kannten sich untereinander und halfen einander aus. Danach trennten sich jedoch die Wege. Maxim Leo reiste für sein Buch nach London, Wien und Haifa, dort leben heute verschiedene Zweige der Leo-Familie. 

So ein Stammbaum kann ja auch ziemlich verwirrend sein, konntest du der Erzählung gut folgen?

Im Buch gibt es hinten einen Stammbaum, in dem alle Namen aufgelistet sind, das ist sehr hilfreich. Dann hat sich Maxim Leo drei junge Frauen ausgesucht, die Schwestern Hilde und Irmgard und ihre Cousine Ilse. Ihre Geschichten sind die Grundlage für das Buch. Maxim Leo beschreibt sehr einfühlsam, wie die jungen Frauen erwachsen werden müssen, die Umstände, der Krieg zwingt sie dazu. Und es ist sehr beeindruckend wie klug, wie stark diese Frauen sind. Hilde zum Beispiel ist alleinerziehend und schafft es für sich und ihren Sohn Ausreise-Papiere nach England zu beschaffen. Oder ihre Schwester Irmgard, die in Berlin Jura studiert und dann nach Israel auswandert, um in einem Kibbuz zu leben. Wie diese Frauen es schaffen, zu überleben, das hat mich sehr beeindruckt.

Bietet das Buch mehr als die Familiengeschichte des Erzählers?

Ja, denn es ist ja auch ein Stück deutscher Geschichte die hier erzählt wird. Maxim Leo schildert nicht nur die Fakten, er hat sich Eindrücke erzählen lassen, Bilder und Briefe gesehen, die zeigen, wie glücklich und erfolgreich seine Familie in Berlin war. Und wie sich die subtilen Veränderungen im Alltag bemerkbar machten, als die Nazis an die Macht kamen. Dieses Buch zeigt sehr anschaulich, wie leicht es doch ist, so etwas zu vergessen. Für Maxim Leo waren die Menschen, die er porträtiert hat, lange einfach die schrullige Tante Hilda, oder die liebevolle Tante Ilse, die Aquarelle malt oder stundenlang am Klavier sitzt.

Aber genau diese Tante Ilse hat ein Internierungslager in Frankreich überlebt und hat sich später dem Widerstand angeschlossen. Das ist das eine. Und das Buch zeigt eben auch, dass das Trauma der Vertreibung an die nächste Generation weitergegeben wird, manchmal auch unbewusst. Viele Mitglieder der Leo-Familie haben überlebt, aber erst die dritte, vierte Generation schafft es, einigermaßen angstfrei und unbelastet nach Deutschland zu reisen, um in Berlin quasi ein Stück Heimat wiederzufinden. Gerade in unserer Zeit, in der wir leider wieder über Krieg, Vertreibung, Heimat und das Fremdsein diskutieren und nachdenken müssen, ist das ein wichtiges Buch. Es ist nicht nur die Familiengeschichte des Erzählers, es ist auch ein wichtiger Teil unserer Geschichte, die wir nicht vergessen dürfen. 

Buch-Infos:
Maxim Leo: "Wo wir zu Hause sind - Die Geschichte meiner verschwundenen Familie", Kiepenhauer und Witsch; 368 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 15. Februar 2018, 9:38 Uhr

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