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Buch-Tipp

Das Licht, das erlosch

Eine Abrechnung

4. November 2019

Der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren läutete nicht nur das Ende zweier deutscher Staaten ein – sondern auch die Konkurrenz politischer Systeme. Der Siegeszug des westlichen Liberalismus schien nicht aufzuhalten zu sein. Doch seit einigen Jahren etabliert sich in Polen und Ungarn eine Gegenbewegung zum Liberalismus, die Europa zu spalten droht. Der Frage, wie das passieren konnte gehen der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev und der amerikanische Rechtswissenschaftler Stephen Holmes in ihrem Buch nach. Christian Erber stellt es vor.

Eine politischen Analyse über Populismus, Nationalismus sowie der Abkehr von freiheitlichen Werten und den Niedergang der liberalen Welt.

Autor/-in: Christian Erber
Länge: 3:51 Minuten
Datum: Montag, 4. November 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Ost und West fremdeln

Der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren. Genug Zeit, sollte man meinen, damit hätte zusammenwachsen können, was zusammengehört. Doch die Realität sieht in mancher Hinsicht anders aus. Nicht nur in Deutschland, wo sich Menschen in West und Ost teilweise fremder denn je sind, sondern in ganzen Teilen Osteuropas.

Das Wichtigste ist, dass es keinen moralischen Imperialismus geben sollte.

Viktor Orban

Das stellt der ungarische Präsident Viktor Orban immer wieder klar. Und er findet mit seinen Forderungen, sich von Brüssel – der zentralen Institution, die westliche, liberale Werte repräsentiert – abzuwenden, vor allem im ländlichen Teil der ungarischen Bevölkerung Gehör.

Wir müssen für ein Europa der Nationalstaaten kämpfen. Für ein starkes und unabhängiges Europa. Streben wir Unabhängigkeit und Zusammenarbeit der Staaten anstelle einer übergeordneten Regierung und Kontrolle an. Lehnen wir die Ideologie des Globalen ab. Lasst uns stattdessen patriotisch sein!

Viktor Orban

Auf Distanz zu Brüssel

Ähnliche Überzeugungen vertritt Polens Präsident Kaczynski. Auch Tschechien und die Slowakei gehen zunehmend auf Distanz zu Brüssel. Vor allem in der Flüchtlingsfrage. Was ist da schiefgelaufen? Das Autoren-Duo Krastev/Holmes spricht von "gescheiterter Nachahmung." Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hätten sich die Staaten Osteuropas den westlichen Liberalismus zunächst zum Vorbild genommen, ihn also imitiert. Doch inzwischen zeigten sich die Schattenseiten dieser Nachahmung:

Nachahmung impliziert ein Verhältnis von Minderwertigkeit und Überlegenheit zwischen dem Nachahmer und dem Nachgeahmten. Das heißt: Nachahmung impliziert in sich Konflikt und die Möglichkeit von Ressentiments.

Stephen Holmes

Das westlichen Modell überzeugt nicht mehr

Anlässe, um Ressentiments zu entwickeln habe der Westen reichlich geliefert. Der Irakkrieg von 2003 etwa – als gescheiterter Versuch, westliche Demokratie in andere Staaten zu exportieren. Oder den Umgang mit der Finanzkrise. Statt die Banken als Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen, habe man sie mit schier unvorstellbaren Geldsummen gerettet und damit noch für ihr Handeln belohnt. Zwei Beispiele, die Glaubwürdigkeit gekostet und Misstrauen gegenüber dem westlichen Modell geschürt haben, so Holmes. Auch in Ostdeutschland, wo viele Bürger die AfD wählen. Weil die anderen Parteien ihnen den Eindruck vermittelten:  

Sie interessieren sich eigentlich nicht für uns. Und das verursacht eine Reaktion. Merkel hat gesagt, dass ihre (Wirtschafts)Politik alternativlos war. Und das hat ein Bedürfnis nach Alternative verursacht.

Stephen Holmes

Zudem verweisen die Autoren auf den Exodus an jungen, gut ausgebildeten Fachkräften, die nicht nur die neuen Bundesländer, sondern ganze Staaten wie Litauen, Lettland oder Rumänien nach der Wende verkraften mussten. Wenn die eigene Bevölkerung schrumpfe, Brüssel aber verlange, viele tausend Flüchtlinge aus Afrika aufzunehmen – dann schlage die Stunde von Populisten wie Orban oder Kaczynski, die vor dem Untergang der eigenen Nation warnen und zum Widerstand gegen Brüssel aufrufen. Muss uns das beunruhigen?

Wir sind zurück in einer Welt, in der der Liberalismus seinen Platz finden muss in einer pluralistischen Welt. Aber das heißt nicht, dass der Liberalismus tot oder obsolet ist. Er hat nur keine Hegemonialstellung mehr.

Stephen Holmes

Eine erhellende Analyse

Deshalb seien beide Seiten nun gefordert, die Europäische Union neu zu erfinden und den Menschen im Osten die Angst vor der Zukunft zu nehmen. Wie das gehen könnte – diese Antwort bleiben Krastev und Holmes schuldig. Leider. Dennoch ist ihr Buch eine hilfreiche Analyse, um das Auseinanderdriften Europas besser verstehen zu können.

Infos:
Ivan Krastev und Stephen Holmes: "Das Licht, das erlosch – eine Abrechnung", aus dem Amerikanischen von Karin Schuler, Ullstein Verlag, 370 Seiten, 26 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. November 2019, 9:40 Uhr

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