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Buch-Tipp

The Flame – Die Flamme

19. Dezember 2018

Bevor Leonard Cohen am 7. November 2016 mit 82 Jahren starb, hatte er noch letzte Aufgaben erledigt. Der krebskranke Songpoet hatte mit "You Want It Darker" ein letztes Album gemacht, und er hatte eine letzte Kollektion seiner dichterischen Arbeit zusammengestellt. Mit unveröffentlichten Gedichten und Texten aus vielen Jahren. Zwei Jahre später ist diese Kollektion erschienen – in Deutschland zweisprachig als "Die Flamme – The Flame".

Buchcover: Die Flamme - The Flame [Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch]
Leonard Cohen: Die Flamme - The Flame, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2018 [Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

Ein Buch-Tipp von Harald Mönkedieck:
Leonard Cohen: The Flame – Die Flamme [3:46 Minuten]

Die Flamme der Dichtkunst befeuerte Leonard Cohen ein ganzes Künstlerleben lang. Schon auf dem Cover seines ersten Albums sah man 1967 die "Flammen, die Jeanne D’Arc verfolgten". Der Mann aus Montreal war vor allem Dichter. Alle seine Songs entstanden aus Gedichten. Es sind Zeilen, die mühelos auch ohne Musik bestehen. Im Vorwort betont Sohn Adam Cohen es ausdrücklich: Sein Vater versuchte, sein glühendes poetischen Wirken bis zum Ende lebendig zu halten.

Das Buch "Die Flamme" besteht jetzt aus mehreren Abteilungen: Einigen Dutzend von Cohen noch selbst ausgewählten Gedichten, dazu kommen viele fertige und unfertige Zeilen aus Notizbüchern sowie gezeichnete Selbstporträts. Am Ende dann eine Rede, die Cohen 2011 in Spanien als Empfänger eines Literaturpreises hielt.

Meine Arbeit war stets redlich. Die ich Kunst nicht nennen mag. Finanzierte meinen Kummer. Traf auf Jesus. Las in Marx. Meinem Feuer zwar kein Beistand. Doch der Funke, sterbend, glüht. Geh und sag dem jungen Heiland. Was mit dem Herz geschieht.

Leonard Cohen

Cohens poetische Stimme

Das Abschiedsgedicht "Happens To The Heart" steht am Anfang von "The Flame", im amerikanischen Audiobuch gelesen von Schauspieler Michael Shannon. Gleich zwölf Übersetzer erstellten die deutschen Texte. Sie hatten dabei freie Hand. Man findet als Resultat Wortgetreues und Reimgetreues. Das ist in der Gesamtheit nicht förderlich für die Einheitlichkeit der poetischen Stimme von Leonard Cohen. Die findet man in all ihrer Intensität im englischen Original – auf der jeweiligen Seite gegenüber.

Die großen dichterischen Themen von Cohen sind präsent: existentielle Melancholie, der Glaube, die Liebe, die essentielle Gebrochenheit des menschlichen Geistes. Alles aus eigener Erfahrung. Die Gedichte und Notizen sind nicht chronologisch geordnet. Auch die Texte der letzten Song-Alben Cohens sind dabei. Und immer wieder zu spüren: das Ende des Weges, nach einem reichen und komplexen Leben. Cohen schrieb oft in selbst gewählter Abgeschiedenheit, auch das verleiht vielen der Texte ihre Eindringlichkeit. Selbst der dunkle Humor von Cohen taucht gelegentlich noch auf.

Kaum was zu sagen haben. Und es trotzdem sagen müssen.

Leonard Cohen

Effektiv und familiär

Sie war einzigartig, die Karriere des großen Wortschmieds Leonard Cohen. Seine Worte konnten Menschen erschüttern und erwärmen – er sprach die Sprache des Herzens, die Sprache der Seele. Dass seine Dichtkunst in ihrer poetischen Struktur und Organisation hier von einer gewissen Gleichförmigkeit geprägt ist, ändert wenig an der Kraft ihres Ausdrucks. Cohen Sprache ist effektiv und – zumindest für Fans – sehr familiär. Letzte poetische E-Mail-Zeilen, von Cohen noch an seinem Todestag geschrieben, gerichtet an einen Dichterfreund:

Selig sind, die Frieden stiften: Denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Leonard Cohen

Leonard Cohens "The Flame – Die Flamme" ist für Fans ein Muss, für grundsätzlich Interessierte eine reelle Chance, sich ihm ein wenig zu nähern. Denn die Flamme brennt weiter.

Buchinfos:
Leonard Cohen: The Flame –Die Flamme: Zweisprachige Ausgabe; Kiepenheuer & Witsch; 352 Seiten; 30 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. Dezember 2018, 9:38 Uhr

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