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Krimi-Tipp

Kritische Masse

6. Dezember 2018

Lange haben wir nichts mehr gehört von Sara Paretsky. Dabei gab es Zeiten, in denen ihre Krimis in keinem Regal frauenbewegter Leserinnen fehlen durften. In ihren Büchern spielten Frauen immer die Hauptrolle. Der jüngste Roman der mittlerweile 71-jährigen Amerikanerin dreht sich um Skrupellosigkeit, Ignoranz und Korruption. Bremen-Zwei-Redakteurin Martina Bittermann hat ihn gelesen.

Lange haben wir nichts mehr gehört von Sara Paretsky. Dabei gab es Zeiten, in denen ihre Krimis in keinem Regal frauenbewegter Leserinnen fehlen durften. In ihren Büchern spielten Frauen immer die Hauptrolle. Der jüngste Roman der mittlerweile 71-jährigen Amerikanerin dreht sich um Skrupellosigkeit, Ignoranz und Korruption. Martina Bittermann stellt das Buch vor.

Autor/-in: Tom Grote;Martina Bittermann
Länge: 4:36 Minuten
Datum: Donnerstag, 6. Dezember 2018
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Bremen Zwei: "Kritische Masse" ist ein fester Begriff aus der Kernphysik. Ist man da als Leser schon auf der richtigen Fährte?

Martina Bittermann: Es gibt viele Fährten in diesem Buch von Sara Paretsky. Ein Erzählstrang dreht sich um das Leben der jüdischen Physikerin Martina Saginor im Wien der 1930er Jahre. Sie ist eine leidenschaftliche Forscherin auf dem Feld der Quantenmechanik, bis die Nazis sie ins Arbeitslager verschleppen und ihre Nazi-treue Assistentin sich ihre Forschungsergebnisse unter den Nagel reißt. Resultate, die später in den USA in die Entwicklung der Wasserstoffbombe einfließen. Martina Saginor überlebt Arbeitslager und Konzentrationslager, kann auch einem Lager in der amerikanischen Wüste entfliehen, aber als Forscherin kommt sie nie mehr auf die Füße. Es sind andere, vor allem Männer, die die Meriten ihrer Forschung einheimsen und den Nobelpreis dafür bekommen. Eine ganz bittere Geschichte.  

Bremen Zwei: Das Buch hat also eine historische Ebene. Wie kommt die Gegenwart mit Paretskys Ermittlerin ins Spiel?   

Martina Bittermann: Die Ermittlerin Vic Warshawski wird von ihrer alten Freundin Lotty Herschel engagiert, um eine verschwundene drogensüchtige Frau zu suchen. Sie ist die Enkelin von Martina Saginor. Und auch Martina Saginors Urenkel Martin, ein hochbegabter Computercrack aus einem IT-Konzern, hat alle seine digitalen Spuren gelöscht. Sara Paretsky schält die Verbindung zwischen der drogensüchtigen Judy, einem Nobelpreisträger in den USA und einem IT-Unternehmen heraus, und geht dabei bis in die Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Das macht Paretsky sehr souverän und absolut glaubwürdig.  

Bremen Zwei: 1982 ist der erste Krimi um Vic Warshawski erschienen. Heute ist Sara Paretsky 71 Jahre alt. Sind diese Krimis nicht in die Jahre gekommen?

Martina Bittermann: Das finde ich nicht. Vic Warshawski ist mit ihren Lesern einfach älter geworden. Warshawski selbst ist zwar auch schon fast 50 Jahre alt, schreckt aber auch im gesetzten Alter vor Schlägereien, Einbrüchen, Verfolgungsfahrten und Entführungen nicht zurück.

Bremen Zwei: In früheren Jahren erschien alle zwei Jahre ein Buch von Sara Paretsky. Bis zu ihrem aktuellen Buch sind jetzt sieben Jahre vergangen. Hat sich das Warten gelohnt?

Martina Bittermann: Ja, Sara Paretsky hat einen starken Krimi vorgelegt. Einen Roman über Skrupellosigkeit, Ignoranz und Korruption. Dabei schlägt sie einen weiten historischen Bogen. Über 500 Seiten hält sie die Erzählstränge gut beieinander und bindet sie zusammen zu einem eindrucksvollen Ganzen. Mich hat besonders die Geschichte um die jüdische Wissenschaftlerin berührt. Das ist eine Geschichte angelehnt an das reale Schicksal der Österreicherin Marietta Blau. Eine jüdische Physikerin, die unbekannt und unbeachtet im Exil in Mexiko starb. 

Bremen Zwei: Dein Fazit?

Martina Bittermann: Sara Paretsky hat viel hineingepackt in dieses Buch. An der einen oder anderen Stelle hängt es spannungsmäßig schon mal etwas durch. Aber in der Summe würde ich sagen: Diesen Roman sollte man lesen und Sara Paretsky soll sich bitte bald wieder an den Schreibtisch setzen.

Infos:
Sara Paretsky: Kritische Masse, aus dem Englischen von Laudan & Szelinski, Ariadne im Argument-Verlag, 540 Seiten, 24 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 6. Dezember 2018, 9:40 Uhr

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