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Buch-Tipp

Georg

1. März 2019

Die Schriftstellerin Barbara Honigmann muss sich keine spannenden Figuren und Schicksale ausdenken – in ihrer engsten Familiengeschichte gibt es davon genug. In ihren Büchern hat sie schon mehrfach von den eigenen Eltern erzählt: Zum Beispiel von ihrer Mutter, einer österreichischen Jüdin und Kommunistin, die in erster Ehe mit einem legendären britischen Doppelagenten verheiratet war. In ihrem neuesten Buch "Georg" erzählt Barbara Honigmann nun wieder vom Vater, von Georg Honigmann.

Buchcover: Georg [Quelle: Carl Hanser Verlag]
Barbara Honigmann: Georg, Hanser Verlag, 2019 [Quelle: Carl Hanser Verlag]

Ist die Geschichte des Vaters genauso bewegend wie die der Mutter?

Auf jeden Fall. Georg Honigmann war Jahrgang 1903 und so wechselvoll und schicksalhaft wie das zwanzigste Jahrhundert sich entwickelte, verlief auch seine persönliche Geschichte. Er stammte aus einer jüdischen Arztfamilie, wurde Journalist, emigrierte während des Nationalsozialismus nach London, spionierte dort für die Sowjetunion und ging nach dem Krieg als überzeugter Kommunist in die spätere DDR. Und in der DDR ist dann auch seine Tochter Barbara Honigmann aufgewachsen.

Beschreibt Barbara Honigmann das Leben des Vaters denn aus Sicht der Tochter?

Sie geht weit zurück in die Kindheit des Vaters in Hessen, erzählt vom frühen Tod seiner Mutter oder von seiner Schulzeit in der berühmten und etwas berüchtigten Odenwaldschule. Das alles beschreibt sie recht nüchtern und faktenorientiert. Der Stil wird persönlicher, sobald sie auf eigene Erinnerungen zurückgreifen kann, dann streut sie ihre Erlebnisse ein, wie etwa die erste Ohrfeige, die ihr Vater ihr ausgerechnet am 17. Juni 1953 verpasste, wegen einer Lappalie – also die Nervosität des Vaters an diesem Tag des Volksaufstandes, möglicherweise als erstes Zeichen einer Entfremdung vom jungen Staat, mit dem er später öfters als Journalist oder als Direktor des Ostberliner Kabaretts "Die Distel" anecken sollte. Bewegend fand ich auch, wenn Barbara Honigmann aus eigener Kinderperspektive hochsensibel Anzeichen registriert, sobald wieder eine Ehe des Vaters zu Scheitern drohte. Immerhin war ihr Vater viermal verheiratet und die Tochter hatte durchaus Lieblings-Ehefrauen. Sie war beispielsweise mit der DDR-Schauspielerin Gisela May eng verbunden.

Was macht das Buch denn interessant – sind es vor allem die historischen Bezüge?

Für mich schon. Ich fand zum Beispiel die Beschreibungen über England während des Krieges besonders interessant, als Behörden und Ämter unter die Erde verlegt wurden oder auch die Anfänge der DDR, als zurückgekehrte Emigranten und Dagebliebene sich gegenseitig feindselig beäugten oder später dann die Ostberliner Künstlerszene und deren politische Gängelung. Und gerade hier finden sich sehr aktuelle Bezüge. Wenn wir an heutige Debatten über Kunstfreiheit denken, angezweifelt von AfD und identitärer Bewegung, lesen sich die Erfahrungen eines Georg Honigmann aus der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR als warnendes Beispiel. Überhaupt stand eigentlich das gesamte Leben von Georg Honigmann unter einem heute sehr aktuellen Motto – nämlich Integration und Ausgrenzung, als Jude in Deutschland, als Deutscher in England und als Bohemien in der spießigen DDR.

Wie hat dir das Buch gefallen?

Am Anfang hatte ich das Gefühl, mit biografischen Details, trockenen Zahlen und Fakten regelrecht beworfen zu werden, bevor überhaupt mein Interesse an der Figur Georg Honigmann geweckt worden war. Auf stimmungsvollere Beschreibungen musste ich einige Seiten warten und entsprechend sind die Charaktere auch erst im letzten Drittel des Buches lebendig geworden und mir nahe gekommen. Dann allerdings habe ich das Buch sehr gerne zu Ende gelesen.

Barbara Honigmann erfasst das jeweilige Zeit- und Ortskolorit sehr gut und das Vater-Tochter-Verhältnis hat sehr rührende Momente, wenn sich beispielsweise die beiden in verschworener Gemeinschaft "Wir Männer" nennen und gemeinsam Reifen wechseln und Zündkerzen austauschen, bevor dann in der Pubertät zusätzlich zu den normalen Konflikten auch Streit über politische Themen und den politischen Werdegang des Vaters kommen. Insgesamt war es durchaus ein Gewinn, das Buch gelesen zu haben.

Barbara Honigmann: Georg [4:53 Minuten]

Infos:
Barbara Honigmann: Georg, Hanser Verlag, 160 Seiten, 18 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 1. März 2019, 15:40 Uhr

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