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Krimi-Tipp

Gangsterblues

25. Oktober 2018

Sein zerknautschtes Gesicht kennt man aus dem Tatort aus Köln. Da spielt Joe Bausch den Rechtsmediziner Joseph Roth. Im richtigen Leben ist Bausch Gefängnisarzt im Hochsicherheitsgefängnis in Werl in Nordrhein-Westfalen, wo 900 Mörder, Vergewaltiger und Psychopathen einsitzen. Im November geht Joe Bausch als Mediziner in Rente, davor hat er noch ein Buch veröffentlicht. Das Buch "Gangsterblues" erzählt Geschichten aus dem Gefängnisalltag. Martina Bittermann hat das Buch für uns gelesen.

Buchcover: Gangsterblues [Quelle: Verlag Ullstein Extra]
Joe Bausch: Gangsterblues, Verlag Ullstein Extra, 2018 [Quelle: Verlag Ullstein Extra]

Ein Krimi-Tipp von Martina Bittermann:
Joe Bausch: Gansterblues [4:14 Minuten]

Wenn ein Gefängnisarzt Geschichten über den Knast erzählt, dann klingt das so ein bisschen nach "ein Insider plaudert aus dem Nähkästchen". Ist es das?

Im Prinzip schon. Joe Bausch hat eingesammelt, was ihm Insassen während seiner 32 Jahre als Gefängnisarzt anvertraut haben. Das muss man sich jetzt nicht als abgeschriebene Tonbandprotokolle vorstellen, sondern Bausch hat zwölf Gespräche, die er mit Schwerverbrechern geführt hat, bearbeitet, er hat sie verfremdet, fiktionalisiert, um so die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen. Aber alle Erzählungen haben einen wahren Kern und können sich so oder ähnlich auch zugetragen haben. Das macht den Reiz des Ganzen aus.

Warum vertrauen sich diese Männer dem Gefängnisarzt an?

Weil sie Redebedarf haben, würde ich mal sagen. Das sind ja Geschichten über Männer, die zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 26 Jahre sitzen die durchschnittlich in Werl. Wegen Mordes, Vergewaltigung, Drogengeschäften. Da kriegen einige der Männer auf ihren paar Quadratmetern schon mal den Blues und möchten reden über ihre Taten, darüber dass sie eigentlichen unschuldig sind und über Angst vor der Zukunft.   

Real Crime ist ja schon seit längerem ein Trend. Worüber schreibt Joe Bausch?

Das sind schon wirklich harte Geschichten, die unter die Haut gehen. Mich hat mit am meisten die Geschichte eines Vergewaltigers beeindruckt. Ein total unangenehmer Typ, der im Knast Angst und Schrecken verbreitet und auch nicht davor zurückschreckt bei einer Freundin draußen ein Video vom Missbrauch eines elfjährigen Mädchens in Auftrag zu geben. Das verkauft er an die Pädophilen im Gefängnis. Dieser Mann liegt eines Tages blutend und schwerstverletzt im Kraftraum; ein Unbekannter hat ihm eine Hantel in den Unterleib gerammt. Eine ganz brutale Form von Selbstjustiz.

Angerührt hat mich dann auf der anderen Seite die Geschichte des Mannes, der gar nicht mehr raus will aus dem Knast, weil er glaubt, er hätte noch nicht genug gebüßt. Ein Gnadengesuch lehnt er ab. 

Und ist das spannend zu lesen?

Spannend, weiß ich nicht, aber eindrücklich ist dieses Buch allemal. Joe Bausch ermöglicht den Blick in eine fremde Welt, in eine Männerwelt mit ihren Regeln und Wertvorstellungen. Knastmilieu aus erster Hand. Brutal und anrührend zugleich. 

Das ist ja harter Stoff, gibt es den auch irgendetwas Unterhaltsames in diesem Buch?

Joe Bausch wollte kein Sachbuch schreiben und hat versucht, das ganze etwas feuilletonistischer anzugehen und sich auch um eine lockere Sprache bemüht. So ganz ist es ihm einfach nicht gelungen. Klingt manchmal sehr bemüht locker. Trotzdem habe ich das Buch von Joe Bausch gerne gelesen. Bausch gelingen kleine psychologische Studien seiner Patienten. Und was sehr beeindruckend ist: Joe Bausch begegnet den Insassen zwar mit dem nötigen professionellen Abstand, aber auch mit großem Respekt; er lässt den Schwerverbrechern ihre Würde.  

Was würdest Du sagen, liest man so ein Buch über wahre Geschichten anders als einen komplett erfundenen Krimi?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man es mit dem Fernsehen vergleicht: Das eine ist eher der Dokumentarfilm, das andere der Tatort am Sonntag.

Buch-Infos:
Joe Bausch: Gansterblues; Ullstein-Verlag; 240 Seiten; 20 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. Oktober 2018, 8:36 Uhr

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