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Buch-Tipp

Genau richtig

Kurze Geschichte einer langen Nacht

22. Juli 2019

Mit "Sofies Welt" ist der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder vor 25 Jahren bekannt geworden. Sein Roman für Jugendliche über die Geschichte der Philosophie wurde auch von Erwachsenen verschlungen. Als studierter Philosoph und Theologe verpackt Gaarder große Fragen der Menschheit in unterhaltsame Geschichten. Jetzt ist sein jüngstes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. Christine Gorny hat es gelesen.

Mit "Sofies Welt" ist der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder vor 25 Jahren bekannt geworden. Sein Roman für Jugendliche über die Geschichte der Philosophie wurde auch von Erwachsenen geradezu verschlungen. Als studierter Philosoph und Theologe verpackt Gaarder große Fragen der Menschheit in unterhaltsame Geschichten. Jetzt ist sein jüngstes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. Christine Gorny stellt es vor.

Autor/-in: Christine Gorny;Anja Goerz
Länge: 4:42 Minuten
Datum: Montag, 22. Juli 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Ein typischer Gaarder

Die Hauptfigur, ein 56-jähriger Lehrer namens Albert, erhält die Diagnose einer tödlichen Krankheit. Im Angesicht des Todes beginnt er nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Er umkreist die ganz großen Themen. Das reicht von der Unendlichkeit des Universums bis zur Endlichkeit des Lebens und vom Urknall bis ins Jahr 2009, also bis in die konkrete Nacht, die hier beschrieben wird.

Eine lange Nacht

Tatsächlich ist der Handlungszeitraum auf einige Nachtstunden begrenzt. Besagter Albert hat sich in das familiäre Ferienhaus zurückgezogen, eine abgelegene Hütte am "Glitzersee". In dieser norwegischen Idylle überlegt er, seinem Leben ein Ende zu setzen, bevor er wegen seiner gerade diagnostizierten tödlichen Krankheit hilflos dahin siechen und seiner Familie zur Last werden würde. Das Nachdenken über diese Frage wird zum Rückblick auf sein Leben. Er schreibt also in das sogenannte Hüttenbuch, das im Ferienhaus immer für kreative Gedanken ausliegt.

Erfahrung der Endlichkeit

Das Leben, auf das Albert zurückblickt, ist nicht traurig. Bis zur Diagnose seiner Krankheit führt er eine durchaus angenehme Existenz, als Lehrer. Seine Frau ist Mikrobiologin, sie haben einen Sohn, später auch ein Enkelkind. Allerdings kann er sein Lebensglück erst wirklich ermessen, als er anfangen muss, Abschied zu nehmen – also erst in der konkreten Erfahrung der Endlichkeit. Das sorgt manchmal für einen melancholischen Erzählklang. Aber gerade weil Gaarder die großen Lebensfragen rund um diese recht unspektakuläre Biografie aufwirft, bekommt die Geschichte eine angenehme Beiläufigkeit. Außerdem ist Gaarder ein sehr präziser Erzähler, der gut Atmosphären und Orte entstehen lassen kann.

Märchenmotive und Symbolsprache

Gaarder hat sich allerhand Motive und Metaphern einfallen lassen. So hat die Familie ihre Ferienhütte "Märchenhaus" genannt. Dieses Märchenhaus wiederum liegt am Glitzersee, in dem sich nachts der unendliche Sternenhimmel spiegelt – also kräftige Bilder für tiefe Seelenerkenntnisse. Es wird auch direkt Bezug genommen auf ein Märchen, nämlich das "Märchen von Goldlöckchen und den drei Bären": So wie Goldlöckchen in die Bärenhütte eindringt, waren Albert und seine spätere Frau damals als Frischverliebte in das Ferienhaus eingebrochen und hatten alle Betten ausprobiert, bis sie – wie das Mädchen im Märchen – das "genau richtige" gefunden hatten.  

Fazit

Das Buch balanciert zwischen klug und unterhaltsam. Es reflektiert Themen, für die wir uns im schnelllebigen Alltag wenig Zeit nehmen. Die Geschichte liest sich wie eine philosophisch reflektierte Liebeserklärung an das Leben.

Infos:
Jostein Gaarder: Genau richtig – Die kurze Geschichte einer langen Nacht, übersetzt von Gabriele Haefs, 128 Seiten, 16 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. Juli 2019, 9:40 Uhr

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