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Buch-Tipp

Die Geständnisse des Fleisches

Projekt Sexualität und Wahrheit

17. Juni 2019

Der vierte Teil des großen Foucault-Werkes ist erschienen. Was bringt dieser letzte Teil, der seit 30 Jahren als Manuskript im Safe lag, an neuen Erkenntnissen über das Werk Michel Foucaults?

Cover: Sexualität und Wahrheit – Vierter Band: Die Geständnisse des Fleisches [Quelle: Suhrkamp Verlag]
Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit – Vierter Band: Die Geständnisse des Fleisches, Suhrkamp Verlag, 2019 [Quelle: Suhrkamp Verlag]

Der französische Philosoph Michel Foucault gehört zu den wichtigsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Er starb 1984 als eines der ersten "prominenten Opfer" an Aids. Noch auf dem Totenbett hat er die Edition seines letzten, mehrbändigen Werks "Sexualität und Wahrheit" vorbereitet. Drei Bände erschienen, den letzten konnte er nicht mehr herausbringen. Da Foucault verfügt hatte, dass keines seiner Manuskripte postum veröffentlicht werden dürfe, blieb das Manuskript von "Die Geständnisse des Fleisches" seitdem im Safe. Vor einiger Zeit hatten sich die Erben aber entschlossen, das Manuskript, auf das die Philosophen-Gemeinde in der Welt seitdem wartete, endlich doch zu veröffentlichen. In Frankreich erschien der Band als Sensation im Jahr 2018. Jetzt ist auch die deutsche Übersetzung herausgekommen. Bremen Zwei-Kulturchef Stephan Cartier hat es gelesen.

Foucaults "Geständnisse des Fleisches" [3:58 Minuten]

Blick auf die Kirchenväter

Mit dem Projekt hat sich Foucault nicht, wie bei seinen anderen Büchern aufs 17., 18. und 19. Jahrhundert konzentriert, sondern sei in der Spätantike gelandet, erklärt Stephan Cartier. Foucault habe sich mit den Kirchenvätern auseinandergesetzt und untersucht, wie aus den antiken Lehren zur Lebensführung, eine christliche Sexualmoral werden konnte. Das Buch sei eine "konsequente Fortführung der Reihe; Foucault stellt darin die Begierde ins Zentrum, so Cartier weiter.

Achtung, das Christentum war gar nicht lustfeindlich. Es war nicht gegen die Begierde, wie man es eigentlich denken würde...

Das Buch liest sich zum Teil sehr schwer. Aber im letzten Viertel des Bandes "da kommt wieder der alte Foucault zum Vorschein, der uns erklärt, wie wir als Subjekt in dieser Welt bestehen können... "

Fazit

Das Buch stellt einen angemessenen Abschluss von Foucaults Untersuchung zum Zusammenhang von Sexualität, Wahrheit und Recht in der Gesellschaft dar. Er untersucht hierzu die frühchristlichen Texte aus dem dritten bis fünften Jahrhundert. Überraschend ist, dass sich das frühe Christentum weniger lustfeindlich präsentiert als man gemeinhin denkt. Die Kirchenväter erkannten – so Foucault in seiner Analyse – dass die fleischliche Begierde zum Menschsein dazu gehört und sich der Einzelne dieser Auseinandersetzung mit den Lüsten stellen muss.

Infos:
Michel Foucault: "Die Geständnisse des Fleisches", aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Suhrkamp Verlag Berlin 2019, 556 Seiten, 36 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 15. Juni 2019, 7:40 Uhr

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