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Fehlstart

27. Januar 2020

Liberté, Égalité, Fraternité: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das ist seit der Französischen Revolution das sinnstiftende, nationale Motto Frankreichs. Dass dieses Ideal bei unseren Nachbarn allerdings auch nicht selbstverständlich ist, zeigen die zahlreichen Streiks und Proteste der vergangenen Monate. Jetzt ist ein Roman, der mit dem Mythos des egalitären und freien Frankreich brechen will, auf Deutsch erschienen. Felix Krause hat ihn gelesen.

Liberté, Égalité, Fraternité: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das ist seit der Französischen Revolution das sinnstiftende, nationale Motto Frankreichs. Dass dieses Ideal bei unseren Nachbarn allerdings auch nicht selbstverständlich ist, zeigen die zahlreichen Streiks und Proteste der vergangenen Monate. Jetzt ist ein Roman, der mit dem Mythos des egalitären und freien Frankreich brechen will, erschienen.

Autor/-in: Felix Krause
Länge: 3:04 Minuten
Datum: Montag, 27. Januar 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Aurélie ist endlich an der Universität. Trotz ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse und obwohl sie nur eine staatliche Schule besucht hat. Doch ihr vermeintlicher Aufstieg ist ernüchternd. Das Jura Studium, ja der ganze universitäre Betrieb langweilt sie. Es geht nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um den Abschluss. Und ihre Kommilitonen sind oberflächliche, arrogante Schnösel, denen das völlig egal ist. Schließlich ist der Lebensweg der angehenden Akademiker ohnehin so gut wie festgelegt.

Für die übergroße Mehrheit der jungen Franzosen war die Universität eine Wahl mangels Alternativen, ein Universum, in dem sie geparkt wurden, um die Arbeitslosenzahlen nicht explodieren zu lassen. Tatsächlich hieß Chancengleichheit nichts anderes, als dass Hase und Schildkröte an derselben Startlinie standen.

Aurélie zieht sich zurück in die innere Emigration. Sie hat keine Lust auf diese Gesellschaft, der es vor allem um Konsum geht: von Alkohol, von Sex, von schlechten Parties und teuren Luxusgütern. Doch die einsame Misanthropin lernt jemanden kennen, dem es genauso geht: Alejandro ist aus Kolumbien nach Frankreich gezogen, führt das Leben eines Bohèmien, liest viele Bücher und putzt, um sich sein Studium zu finanzieren. Gemeinsam scheinen sie der Ödnis und der Sinnlosigkeit zu entkommen. Aurélie lernt ihre eigene Leidenschaft kennen, Alejandro endlich ein Mädchen, das sich für ihn interessiert.

Kein Platz für Romantik

Es entbrennt eine Liebschaft, die jedoch nicht halten kann. Denn der Ton, den Marion Messina in "Fehlstart" trifft, lässt keinen Platz für Romantik. Unsere spätmoderne Gesellschaft, so scheint die These, ist eine egoistische, unaufrichtige, ausbeuterische. Und auch Aurélie spielt das Spiel, trägt dieses System mit. Sie zieht nach Paris – um sich neu zu orientieren oder zu zerstreuen. Als Hostess wird sie Teil des Leiharbeits-Prekariats in H&M-Anzügen. Das reicht zum Überleben, aber zum Leben wohl kaum.

Sie würde immer mehr arbeiten, um sich eine ungesunde Wohnung zu leisten und sich von dem plastikverpackten Essen zu ernähren, das immer weniger Geschmack und Vitamine hätte; sie würde nicht mehr lesen, sondern abends erschöpft nach Hause kommen und sich mit Reality-Shows und schlechten Filmen vollstopfen...

Rassismus und Sexismus

In Frankreich wurde "Fehlstart" von der Kritik hoch gelobt. Und Messina wurde mit keinem geringerem als dem Skandalautor Michel Houellebecq verglichen. Zu Recht. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: durch die Perspektiven der Protagonisten Aurélie und Alejandro sind Rassismus und Sexismus in Messinas Roman nicht Stilmittel, sondern Thema. Etwa wenn Alejandro von seinen Erfahrungen als Einwanderer erzählt:

Er litt unter der Anti-Einwandererstimmung, die sich unter den Franzosen breit machte, von wegen 'Wir schuften und die kommen hier an und kriegen alles in den Hintern gesteckt'.

Fazit

In ihrem Debütroman teilt Marion Messina kräftig aus: gegen den kapitalistischen Geist unserer Zeit und den gescheiterten Sozialstaat, gegen die Gesellschaft und das Individuum darin. Sie beobachtet und reflektiert genau. Das mag nicht immer besonders innovativ sein. Aber in ihrem rotzigem Tonfall definitiv erfrischend. Ein beachtlicher Erstlingsroman, der Lust auf mehr macht!

Infos:
Marion Messina: Fehlstart, Hanser Verlag, 168 Seiten, 18 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. Januar 2020, 11:40 Uhr

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