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Buch-Tipp

Das entfesselte Jahrzehnt

Sound und Geist der 70er

14. Juni 2019

Jens Balzer, geboren 1969, gehört zu den profiliertesten deutschen Popjournalisten. Er schreibt für "Die Zeit" und den "Rolling Stone". Nach seinem sehr zeitgeistige Buch "Pop und Populismus" erscheint jetzt ein eher kulturhistorisches Werk über den Sound und Geist der 1970er Jahre. Eva Garthe hat es gelesen.

Der Popjournalist Jens Balzer wirft in seinem aktuellen Buch einen kulturhistorischen Blick auf den Sound und den Geist der 1970er Jahre.

Autor/-in: Eva Garthe
Länge: 4:12 Minuten
Datum: Freitag, 14. Juni 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Von Woodstock-Klängen bis "Computerwelt"

Millionen Menschen verfolgen die ersten Schritte der Menschheit auf dem Mond, kurz darauf feiern Hunderttausende in Woodstock ein neues Gemeinschaftsgefühl: Das ist der doppelte Startschuss für ein Jahrzehnt, in dem unbändige Energien entfesselt werden.

Das Woodstock-Festival steht für den Popkritiker Jens Balzer für den Beginn der 70er Jahre. Eine bessere Welt, Peace, Love and Harmony scheinen möglich… Die 70er enden für Balzer mit Songs wie "Computerwelt" von Kraftwerk. Dazwischen liegen zwölf Jahre: 1969 bis 1981. Hier das orgiastische Freiheitsversprechen, dort die von aller Natürlichkeit befreiten roboterhaften Klänge von Kraftwerk…

Die Popmusik der Zeit liefert für Balzers Buch die historische Hintergrundspannung: David Bowie, Kraftwerk, die Sex Pistols… Wobei es ihm nicht nur um Musik geht. Sein wilder Ritt durch die Popkultur reicht von feministischen Comics über deutsche "Sexheimatfilme" bis zur RAF. Dabei charakterisiert er das Jahrzehnt als zutiefst dialektisch: Eine Zeit der Selbstverwirklichung und der Sehnsucht nach neuen Gemeinschaften, "Schulmädchen-Report“ und Frauenbewegung, McDonalds und Umweltschutz, Esoterik und Digitalisierung.

Balzer zeigt immer wieder Ambivalenzen auf, zwischen Emanzipation und Reaktion. Zitiert einen von Hitler schwafelnden Bowie, schaut auf die neoliberalen Tendenzen der Gamer und auf den Okkultismus der Metal-Fans.

Bei der so genannten Teufelsfaust streckt man den Zeigefinger und den kleinen Finger aus, während Daumen, Mittel- und Ringfinger eingeklappt werden. Inzwischen ist sie unter Freunden der Heavy-, Black-, Death-, Trash- und sonstigen Metal-Musik zu einer gängigen Geste geworden. Wer es ernst meint, nennt diese Geste auf Latein ‚manu cornuta‘, gehörnte Hand. Wer eher die heitere Seite betont, bezeichnet sie als ‚Pommesgabel‘.

Haare und die 70er

Balzer spricht über über Okkultismus und Esoterik in den 70ern - aber auch über: Haare! In dem Kapitel "Eine kurze Geschichte der Frisurenkunst in den siebziger Jahren" huldigt Balzer Paul Breitners Afro und David Bowies Vokuhila.

Während der Hippie-Mann mit seinen langen Haaren nach weiblicher Weichheit sucht und nach einer Existenz jenseits der vorgegebenen patriarchalen Strukturen, sucht Bowie mit seinem Vokuhila nach einer Identität, in der sich die traditionellen Zuordnungen von weiblichen und männlichen Frisuren unentwirrbar verschränken.

Frauen sind unterrepräsentiert

Ein Manko des 430-Seiten-Wälzers ist, dass weibliche Pop-Ikonen kaum vorkommen. Lediglich Disco-Queen Donna Summer darf auftreten – mit ihren Hits mit Giorgio Moroder.

Die Wiederholung einfachster Synthesizer-Motive verbindet sich hier mit einem fast völlig fragmentierten Gesang. Donna Summer aber beschenkt die kalten technischen Sounds mit Wärme, Soul und Sex. Musikalischer Minimalismus paart sich mit maximaler Erotik – so etwas hat es bis dahin noch nicht gegeben.

Kulturgeschichtlich, episodisch, mit Schwerpunkt auf Pop und Trivialkultur – so setzt sich Jens Balzer mit den 70ern auseinander. Um die etablierte deutsche Hochkultur in Theater, Film und Literatur geht es ihm gerade nicht. Über Fassbinder und Peter Stein gebe es schließlich schon genug Bücher, findet er. Jens Balzer zeigt überraschende Verbindungen auf, erzählt anschaulich und in einem eleganten feuilletonistischen Stil. Was immer wieder überrascht: viele Themen von heute – Umweltschutz, Feminismus, Populismus – wurden schon in den 70ern diskutiert.

Fazit

Balzer erinnert mit seinem Buch daran, welches Potenzial diese Zeit hatte. Aber auch, wie viel davon ungenutzt verpuffte. Mit den Folgen haben wir jetzt zu kämpfen. Doch die Energie dieses "entfesselten Jahrzehnts" wirkt bis heute inspirierend.

Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er, Rowohlt Verlag, 430 Seiten, 26 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Juni 2019, 9:40 Uhr

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