Livestream

Bremen Zwei Rubriken Neue Bücher

Buch-Tipp

Ein einfaches Leben

27. November 2018

Die amerikanisch-koreanische Autorin Min Jin Lee hat ein großes Familienepos geschrieben. Sie erzählt die Geschichte der Koreanerin Sunja und ihrer beiden Söhne, die nach Japan auswandern und dort wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Es geht um die Probleme einer Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft. Tomasz Kurianowicz hat den Roman für uns gelesen.

Buchcover: Ein einfaches Leben [Quelle: DTV Verlag]
Min Jin Lee: Ein einfaches Leben, DTV Verlag, 2018 [Quelle: DTV Verlag]

Das Buch hat in den USA für großes Aufsehen gesorgt. Was ist das Besondere an diesem Roman?

Sein langer Atem und die sensible Erzählweise. Das Buch beginnt ganz unspektakulär, 1889, in einem kleinen Fischerdorf in Korea, kurz nach der Annexion Koreas durch Japan. Erzählt werden 100 Jahre Geschichte. Am Anfang geht es noch um Sunja, ein Mädchen, das im jungen Alter fleißig im Logierhaus ihrer Familie mitarbeitet. Zufällig lernt sie einen gut gekleideten Mann kennen, einen reichen Koreaner namens Hansu, der in den besten Kreisen Japans verkehrt. Schon bei der ersten Begegnung tritt Hansu als Retter auf: Auf dem Weg nach Hause wird Sunja von drei japanischen Jungen angepöbelt. Hansu geht dazwischen und verhindert Schlimmeres. Danach werden die beiden Freunde.

Das klingt nach dem Beginn einer engen Beziehung.

Genau. Doch sie wird noch enger: Hansu trifft sich Woche für Woche mit Sunja, spricht mit ihr und benimmt sich ein wenig wie ein Mentor, vielleicht wie ein älterer Bruder. Doch dann kommt es zu einer Grenzverletzung, die zum verstörendsten Moment des Romans gehört.

Ist es eine Vergewaltigung?

Das wird nicht ganz klar. Bis zum Schluss pendelt die ganze Beziehung zwischen zarter Bindung und grober Abhängigkeit. Unklar bleibt, ob Hansu das Mädchen benutzt, missbraucht oder tatsächlich geliebt hat. Auch seine wahre Identität bleibt verborgen. Nur so viel ist sicher: Das Mädchen wird von dem 34-Jährigen schwanger. Hansu gibt ihr aber sofort zu verstehen, dass er sie nicht heiraten wird – er hat drei Kinder und eine Frau in Japan.

Das Buch verfolgt diese Geschichte und die der anderen Familienmitglieder über vier Generationen hinweg: Erst steht Sunjas Jugend im Mittelpunkt. Dann die Ehe mit ihrem Mann Isak, einem koreanischen Geistlichen. Dann folgt die Flucht der Familie vor dem Hunger ins japanische Osaka, ihr Entkommen aus dem amerikanischen Bombenhagel während des Zweiten Weltkriegs, und später die Rückkehr ins geteilte Korea. Es geht um den Hunger, das Leid, das Überleben, das Zerplatzen von Träumen und Sehnsüchten.

Die New York Times empfahl den Roman als einen der zehn besten des Jahres 2017. Warum kam der Roman in den USA so gut an?

Vielleicht, weil er in Wahrheit eine Migrationsgeschichte erzählt, mit der sich viele Amerikaner identifizieren können. Der Roman hat autobiografische Züge: Min Jin Lee kam 1976 selbst als Siebenjährige aus Korea in die USA, hat mit ihrer Familie in Queens gelebt und dort im Juwelierladen der Familie ausgeholfen. Später studierte sie Geschichte und Jura, bevor sie Schriftstellerin wurde. Jetzt kann man sagen: Min Jin Lee hat sich als Schriftstellerin in den USA durchgesetzt.

Gibt es Parallelen zu ihren glücklosen Charakteren?

Das wird am Ende des Romans klar, vor allem bei Sunjas Sohn Noa. Obwohl er sich ungeheure Mühe gibt, scheitert er als Koreaner an der japanischen Mehrheitsgesellschaft. Der Junge ist klug und fleißig, will Literatur studieren und sich in der bildungsbürgerlichen Schicht Japans ehrlich hocharbeiten, die Klischees vom zwielichtigen Koreaner hinter sich lassen. Doch was er auch tut, wie viel Erfolg er auch hat, die Außenwelt erinnert ihn immer wieder daran, dass er anders ist, dass er nicht dazugehört, trotz seines Erfolgs.

Funktioniert der Roman denn auch im Deutschen?

Absolut. Er ist wahnsinnig gut geschrieben und liest sich sehr leicht. Außerdem ist der Identitätskonflikt kulturübergreifend, man muss nur an die Özil-Debatte denken und an Mesut Özils hier in Deutschland beschriebenes Gefühl, als erfolgreicher Türke immer noch nicht ganz dazu zu gehören. Im Grunde erzählt der Roman, wie schwierig es ist, zu seinem persönlichen Glück, zu seiner wahren Identität zu kommen. Und dass man das Glück nicht selbst in der Hand hat.

Fazit

Für mich eines der interessantesten Bücher des Jahres.  

Infos:
Min Jin Lee: "Ein einfaches Leben", DTV, 552 Seiten, 24 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. November 2018, 12:40 Uhr

Bremen Zwei