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Buch-Tipp

Der Fetzen

9. April 2019

Bei dem islamistischen Anschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden in den Pariser Redaktionsräumen elf Menschen getötet und elf weitere verletzt. Der Journalist Philippe Lançon überlebte das Attentat schwer verletzt. Über den Anschlag und sein Leben danach hat er ein sehr persönliches Buch geschrieben, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Christine Gorny hat es gelesen.

Beim islamistischen Anschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden in den Pariser Redaktionsräumen elf Menschen getötet und elf weitere verletzt. Der Journalist Philippe Lançon überlebte das Attentat schwer verletzt. Über den Anschlag und sein Leben danach hat er ein sehr persönliches Buch geschrieben. Christine Gorny stellt es vor.

Autor/-in: Christine Gorny;Tom Grote
Länge: 5:07 Minuten
Datum: Dienstag, 9. April 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Was ist das Besondere an dem Buch ?

Es ist tatsächlich eines dieser Bücher, die so eindringlich sind, dass man nach der Lektüre sein eigenes Leben anders sieht. Philippe Lançon verarbeitet darin das Attentat, das ihm nicht nur seine physische und psychische Unversehrtheit genommen hat, sondern auch sämtliche Lebensgewissheiten, die bis dahin für ihn galten. So wie sein zerschossener Kiefer mit unzähligen Operationen anschließend neu aufgebaut werden musste, musste er sich insgesamt von Grund auf neu erfinden. Diesen Prozess beschreibt er samt aller Krisen so schonungslos und ehrlich, dass man von der ersten bis zur letzten Seite ganz tief hineingesogen wird.

Über das Attentat auf Charlie Hebdo wurde ausführlich berichtet. Inwieweit geht dieses Buch denn über das Bekannte hinaus?

Wir erfahren hier Details, die nur ein Überlebender kennt. In drei von insgesamt 20 Kapiteln schildert Philippe Lançon den Anschlag fast minutiös aus seiner Sicht, aus der Perspektive eines am Boden liegenden schwer verletzten Mannes. Zunächst holt er allerdings weiter aus, beschreibt den Vorabend des Anschlags, an dem er eine Shakespeare-Inszenierung gesehen hatte, die er an diesem Tag nun rezensieren wollte. Er erzählt vom Morgen des besagten 7. Januar, als er beim Frühstück den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq im Radio hörte, dessen Roman "Unterwerfung" ja genau am Tag des Anschlags erschien und den auch Lançon gerade besprochen hatte. Zeitlich geht er aber noch viel weiter zurück, nämlich zum Irakkrieg 1991, über den er damals berichtet hatte, und von dort aus begibt er sich auf eine Art Spurensuche nach dem Ursprung des islamistischen Terrorismus. Das Buch ist eine ebenso umfangreiche wie subjektive Verarbeitung des Attentats.

Wird nicht auch Voyeurismus bedient, wenn man diesen brutalen Überfall mit seinen Details nachlesen kann?

Voyeurismus oder Sensationslust werden insofern nicht bedient, als dass man selbst so in das Geschehen hinein gesogen wird, dass man eher mit leidet. Ich habe jedenfalls beim Lesen auch geweint. Dabei drückt Lançon eben gerade nicht auf die Tränendrüse, sondern schreibt im Gegenteil ausgesprochen sachlich und nüchtern. Als erfahrener Journalist kann er natürlich mit Sprache umgehen, kommt aber plötzlich an deren Grenzen angesichts seiner Empfindungen beim Attentat und der Gleichzeitigkeit seiner Beobachtungen dabei. An einer Stelle heißt es, er bräuchte eigentlich eine "neue Grammatik, um das Wesen des Ereignisses zu erfassen".

Das Buch behandelt auch die Monate nach dem Attentat. Wie gelingt es Philippe Lançon, seine schweren Verletzungen an Leib und Seele zu bewältigen?

Mit viel Unterstützung von Familie, Freunden, einem engagiertem Ärzteteam und einsatzfreudigem Pflegepersonal. Freundschaften verändern sich, manche tun ihm nicht mehr gut, andere werden reaktiviert. Das eher sporadische Verhältnis zum Bruder wird jetzt hochintensiv. Aber natürlich muss Lançon den größten Einsatz selbst leisten. Das gelingt ihm mit viel Kampfgeist, wenig Selbstmitleid und vor allem dank seiner umfangreichen kulturellen Bildung. Gegen die Schmerzen oder als Geleit in den OP, liest er Marcel Prousts, "Suche nach der verlorenen Zeit" oder Kafkas Briefe an seine Verlobte Felice Bauer, oder er hört Bachs "wohltemperiertes Klavier". Mit seiner Chirurgin, für die er eine große medizinische Herausforderung ist, bespricht er während der Visite nicht nur die nächsten Hauttransplantationen, sondern immer auch philosophische Fragen. Er treibt seine Gedanken aus den Niederungen des Krankenhausbettes immer wieder in höhere geistige Weiten. Heilsam ist sicherlich auch, dass er sich nicht dem Hass auf die Attentäter hingibt und sich damit nicht zum passiven Opfer macht, sondern seine Lage beobachtet und drüber schreibt.

Warum heißt das Buch "Der Fetzen?"

Das große Loch, das die Geschosse in Lançons Kiefer gerissen haben, muss mit komplizierten und langwierigen Operationen und Transplantationen verschlossen werden. Der verletzte Kieferknochen wird beispielsweise aus dem Wadenbein wieder hergestellt. Die größte Sorge macht über Monate eine Hauttransplantation, ein Fetzen eben, der nicht anwachsen will.  

Das ist ja nun extrem harter Stoff. Warum soll man sich das zumuten?

Trotz der thematischen Härte ist es letztlich ein lebensbejahendes optimistisches Buch. Auch wenn Philippe Lançon nach monatelangem Krankenhausaufenthalt die Rückkehr in die sogenannte Normalität schwer fällt, ihn Angstattacken überfallen, sobald er jungen Arabern in der Metro begegnet, hat er sich von den Attentätern sein Leben nicht zerstören lassen. Seine Geschichte, die er sehr offen und tabulos mit den Lesern teilt, zeigt, dass selbst radikaler tödlicher Hass wahre Humanität nicht auslöschen kann.

Infos:
Philippe Lançon: "Der Fetzen", übersetzt von Nicola Denis, Tropen Verlag, 548 Seiten, 25 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. April 2019, 08:40 Uhr

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