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Buch-Tipp

Der Defekt

11. Februar 2020

Eine junge Frau entdeckt an sich einen "Defekt", sie fühlt sich anders als der Rest des Dorfes. In ihrer Beziehung zu Vetko stehen Lust und Schmerz im Vordergrund. Autorin Leona Stahlmann schreibt in ihrem Debütroman über das Tabuthema BDSM. Bremen-Zwei-Reporterin Katharina Mild hat ihn gelesen.

Eine junge Frau entdeckt an sich einen "Defekt", sie fühlt sich anders als der Rest des Dorfes. In ihrer Beziehung zu Vetko stehen Lust und Schmerz im Vordergrund. Autorin Leona Stahlmann schreibt in ihrem Debütroman über das Tabuthema BDSM. Bremen-Zwei-Reporterin Katharina Mild hat ihn gelesen.

Autor/-in: Katharina Mild;Wolfgang Rumpf
Länge: 4:11 Minuten
Datum: Dienstag, 11. Februar 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Darum geht es

Mina ist 16 Jahre alt, sie wächst in einem Dorf im Schwarzwald auf und geht dort zur Schule. Sie fühlt sich zu einem Mitschüler hingezogen, zu Vetko, mit dem sie eine sexuelle Beziehung beginnt. Dabei bemerkt sie, dass irgendetwas mit ihr anders ist. Und dieses "anders" hat mit ihrer sexuellen Identität zu tun. Die unterscheidet sich von dem, was sie selbst als "normal" empfindet:

In einer unverfugten Stelle, einem Spalt im Gespinst der Zellen ihrer Eltern, war er entstanden. Der Defekt. Eine eingebaute Selbstzerstörungsmechanik, die, einmal ausgelöst, die Zellen fraß, aus denen sie gemacht war: Vetkos Arm in der Luft und auf Minas Körper, mit dem Schwung, den ihre Oberschenkel und Brüste abfangen und in Blautöne verwandeln würden […]. Irgendwo […] war eine Mutation entstanden. Sie sorgte dafür, dass Mina Wunde und Weinen suchte und nicht das, was die anderen zärtlich fanden und sie einander ausziehen ließ. Wenn die anderen Selbsterneuerung zwischen Spitzenunterwäsche fanden, sanft verschlungen ineinander, suchte Mina Selbstauslöschung.

Es geht um die Verbindung von Lust und Schmerz, um Dominanz und Unterwerfung, um das Überschreiten von Grenzen als sexuelle Vorlieben. Aber es ist auch ein Roman, der vom Anderssein handelt, vom sich ausgegrenzt fühlen, vom "Normalsein", von Identitätssuche.

Schwerer Stoff

Es ist ein sehr anstrengendes Buch. Der Stoff ist schwer und man leidet auch sehr mit der Protagonistin mit. Beim Lesen über die sexuelle Beziehung zwischen Mina und Vetko fragt man sich: Will Mina das jetzt? Ist das gerade einvernehmlich? Also diese Ambivalenz, die die Protagonistin selbst auch fühlt, wird von der Autorin großartig transportiert. .

Die Sprache

Was das Lesen auch etwas schwer macht, ist die Sprache. Die ist sehr eigen und wahnsinnig bildreich, die Sätze sind sehr lang. Die Beschreibungen sind sehr detailliert und lenken oft von der eigentlichen Handlung ab.

Und dann sah sie die Fliege. Sie kroch aus seinem Haaransatz mit dem vielgliedrigen Zucken schartiger Beinchen bis hinunter zur Schläfe, verharrte kurz, zog weiter geradeaus wie an einer Schnur, die an Vetkos Augenwinkel endete. Sie tauchte ihren Rüssel in das bisschen Flüssigkeit, und Vetko lachte noch immer breit und großzügig, und seine Sommersprossen waren keine Punkte mehr, sondern wuchernde Flecken und seine Zähne gelb und groß wie die eines Pferdes, und seine Lippen schuppten sich vor Trockenheit.

Fazit

Eine Vorliebe für anspruchsvolle Sprache sollte man für diesen Roman schon mitbringen und eine große Portion Konzentration, um auch folgen zu können. Das Thema BDSM als sexuelle Neigung, ist ja auch in Deutschland immer noch ein großes Tabuthema. Darüber wird nicht gesprochen oder geschrieben, damit geht man nicht an die Öffentlichkeit. Allein dafür verdient der Roman Respekt.

Infos:
Leona Stahlmann: Der Defekt, Verlag Kein & Aber, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. Februar 2020, 10:10 Uhr

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