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Wir sind ja nicht zum Spaß hier

14. Februar 2018, 9:20 Uhr

Am 14. Februar 2017 hat Deniz Yücel das Polizeipräsidium in Istanbul aufgesucht, um zu erfahren, warum gegen ihn ermittelt wird. Seitdem sitzt er in Haft. Exakt ein Jahr nach seiner Verhaftung wird ein kluges und unterhaltsames Buch mit einigen seiner Texte der vergangenen 13 Jahre herausgebracht: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier"!

Buchcover: Wir sind ja nicht zum Spaß hier [Quelle: Edition Nautilus]
Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier, Edition Nautilus, 2018 [Quelle: Edition Nautilus]

Holger Heimann hat das Buch gelesen:
Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier [3:54 Minuten]

Das Buch besteht nur zu einem kleinen Teil aus Texten aus dem Gefängnis. Der Band versammelt Veröffentlichungen aus der "Jungle World", "taz" und "Welt" und bildet einen Querschnitt seiner bisherigen Arbeit. Warum wählt er die DKP, was heißt es, Journalist zu sein und wie ist es, wenn man sich auf eine Pegida-Demonstration in Dresden begibt?

Journalist mit klaren Analysen

Natürlich erfährt man auch etwas über sein Leben in Haft. Ein Protokoll beschreibt sehr genau, wie der Gefängnisalltag aussieht und wie wichtig der Kontakt zur Außenwelt über Anwälte ist. Briefe und Informationen erhält er so und zeigen ihm, dass man ihn nicht vergessen hat. Immer wieder schlüpft er in die Rolle des Journalisten – beobachtet, schreibt und beschreibt, was er sieht. So gelingt es ihm beeindruckend, unter widrigen Bedingungen, von seiner Haft zu erzählen und als Korrespondent auch weiterhin zu analysieren, was in seinem Land geschieht.

Anfangs durfte er nicht einmal Papier und Stifte haben. So versuchte er mit der Gabelspitze und Soße in die leeren Flächen eines Romans, den er in der Zelle haben durfte, zu schreiben. Später konnte er dann einen Kugelschreiber hereinschmuggeln und in einer illustrierten Ausgabe des "Kleinen Prinzen", auf deren Seiten es viel freien Raum gab, seine Notizen machen. In Schmutzwäsche versteckt, brachten seine Anwälte die Texte aus dem Gefängnis heraus.

Beeindruckende Grundüberzeugung

Mittlerweile sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis Silivri in Isolationshaft. Dort darf er zwar Papier und Stifte haben, aber direkten Kontakt außerhalb der Besuche hat er mit niemandem. Nur mit einem früheren Richter ruft er sich hin und wieder Wortfetzen über den Gefängnishof zu.

Im Buch von Deniz Yücel ist ein Zitat eines der bedeutendsten türkischen Dichters – Nâzim Hikmet – zu finden:

Es geht nicht darum gefangen zu sein, sondern darum, sich nicht zu ergeben.

Das ist die Grundüberzeugung, nach der Yücel im Gefängnis lebt. Entstanden ist ein Buch voll bissiger Gesellschaftskritik, klarer Analysen und harter Fakten. Beeindruckend.

Buchinfo:
"Wir sind ja nicht zum Spaß hier" von Deniz Yücel; Edition Nautilus GmbH; 224 Seiten; 16 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Februar 2018, 9:20 Uhr.

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