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Buch-Tipp

Aus dem Licht

18. April 2019

Marente de Moor ist Kolumnistin einer niederländischen Zeitung und schreibt Kurzgeschichten und Romane. Sie ist die Tochter der Schriftstellerin Magriet de Moor. In ihrem aktuellem Buch geht es um den französischen Filmpionier Louis Le Prince und um die Epoche der großen Erfindungen Ende des 19. Jahrhunderts. Katrin Krämer hat es gelesen.

Das Buch dreht sich um den französischen Filmpionier Louis Le Prince und um die Epoche der großen Erfindungen Ende des 19. Jahrhunderts.

Autor/-in: Katrin Krämer;Jessica Liedtke
Länge: 5:08 Minuten
Datum: Freitag, 19. April 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Das Cover zeigt eine seltsam gelblich belichtete Szene: Zu sehen sind vier Menschen in einer Art Garten. Um welches Licht handelt es sich denn?

Um das Licht, das zur Belichtung nötig war, um Bewegtbilder herzustellen. Wir haben es in diesem Roman nämlich – grob gesagt – mit der Geschichte des Kinos zu tun. Genauer gesagt: mit dem Urknall, der die Film-Technik begründet hat. Der französische Erfinder Louis Aimé Augustin Le Prince hat nämlich eine Filmkamera mit nur einem Objektiv entwickelt, was damals revolutionär war. 1888 drehte er damit die ersten bewegten Bilder, die man aus heutiger Sicht als Film bezeichnen kann: die berühmte "Roundhay Garden Scene" – zwei Sekunden Bewegtbild, in dem vier Menschen umeinander laufen wie aufgezogene Spielfiguren.

Marente de Moor hat also ein Stück Technikgeschichte verarbeitet, liest es sich auch so technisch?

Das ist natürlich dem Inhalt geschuldet. Es geht um die Entwicklung der Kinematografie im Frühstadium. Aber vor allem erzählt der Roman von dieser Epoche, vom Ende des 19. Jahrhunderts, in der ein wahrer Wettlauf, ein Hauen und Stechen um Erfindungen und die Patentierungen stattfand. Eine technische Neuerung jagte die nächste – und daher war es auch eine Hochzeit für Okkultismus und Aberglaube. Denn Technik war für viele der Inbegriff von Zauberei. Da florierte also auch eine schillernde Parallel-Gesellschaft von Möchtegern-Magiern und Geisterbeschwörern. Marente de Moors Protagonist heißt Louis Le Prince. Den nennt sie allerdings Valéry Barre. Und die Geschichte beginnt mit dessen Verschwinden. Le Prince ist tatsächlich am 16. September 1890 unter ungeklärten Umständen auf der Reise von Dijon nach Paris verschollen. Er war allerdings mit einem schwarzen Lederkoffer unterwegs, der die Patentunterlagen enthielt…

Das klingt spannend. Geht es also darum, was aus ihm geworden ist?

Auch, denn Barres Sohn Guillaume, der noch klein war, als der Vater verschwand, wird sich als Erwachsener nochmal auf die Suche nach ihm begeben. Aber vor allem geht es um die Zeit davor, um Barres Rastlosigkeit, seinen Traum vom Film in Farbe und auch um seine Angst, jemand könnte ihm beim Patent zuvor kommen. Denn in dieser Zeit, in der sich auf Grund der Industrialisierung alles plötzlich rasant entwickelt hat, ist das Erfindergeschäft hart und brutal.

Was die Geschäftstüchtigkeit angeht, steht Alva Edison ganz vorne. Er hat nicht nur die Glühlampe erfunden, sondern eine regelrechte Erfindungsfabrik gegründet, Patente gekauft und weiterentwickelt. Auf den ist auch Barre nicht gut zu sprechen gewesen. Im ersten Teil steht also Valerie Barre im Mittelpunkt und im zweiten Teil Edisons Leben, erzählt aus der Perspektiver seiner hübschen, viel jüngeren Frau Mina.

Wie erzählt Marente de Moor denn – unterhaltsam, trocken, spannend?

Sie hat eine sehr besondere literarische Sprache gefunden, um sich diesem Thema, dieser Zeit und diesen Figuren zu nähern. Am Anfang hat man das Gefühl, dass der Erzählton eine langsame Kamerafahrt ist, da zieht auf Barres Eisenbahnfahrt nach Paris jeder Grashalm deutlich sichtbar vorbei – dann gibt es auch sehr komische Szenen. Und mitten im Text stehen immer wieder völlig abgefahrene – ich nehme an zum Teil fiktive – Reklametexte, immer passend zur Stimmung und zur Szene, um die es gerade geht.

Fazit

Marente de Moor hat einen sehr klugen und eindrucksvollen Roman geschrieben, der mir manchmal ein bisschen zu anspielungsreich und detailbesessen ist, was die Technik angeht. Technikaffine Leserinnen und Leser sind eindeutig im Vorteil. Aber insgesamt geht es – dem Thema angemessen – sehr bewegt zu und man erfährt eine unglaubliche Geschichte aus einer aufregenden Zeit.

Infos:
Marente de Moor: "Aus dem Licht", Hanser Verlag, 318 Seiten; als E-Book 16,99

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. April 2019, 16:40 Uhr

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