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Buch-Tipp

Das Licht, das Schatten leert

Der November ist von jeher ein Monat, in dem besonders an Verstorbene gedacht wird. Wir nehmen das zum Anlass, heute auf ein bemerkenswertes Buch zu schauen. Darin geht es um "Sternenkinder", also tot geborene Babys. Ein großes Trauma für betroffene Eltern und ein riesiges gesellschaftliches Tabu – trotzdem hat sich die Zeichnerin und Autorin Tina Brenneisen daran gewagt. Sie hat selbst die traumatische Erfahrung einer Totgeburt machen müssen. Was das bedeutet, schildert sie in ihrer kürzlich erschienenen Graphic Novel "Das Licht, das Schatten leert".

Der November ist von jeher ein Monat, in dem besonders an Verstorbene gedacht wird. Wir nehmen das zum Anlass, heute auf ein bemerkenswertes Buch zu schauen. Darin geht es um Menschen, die ihr Leben gar nicht leben konnten: sogenannte „Sternenkinder“, also tot geborene Babys. Ein großes Trauma für betroffene Eltern und ein riesiges gesellschaftliches Tabu – trotzdem hat sich die Zeichnerin und Autorin Tina Brenneisen daran gewagt. Sie hat selbst die traumatische Erfahrung einer Totgeburt machen müssen. Was das bedeutet, schildert sie in ihrer kürzlich erschienenen Graphic Novel „Das Licht, das Schatten leert“.

Autor/-in: Kerstin Burlage
Länge: 3:21 Minuten
Datum: Mittwoch, 27. November 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Radio Bremen

Manchmal passieren Dinge im Leben, auf die du nicht vorbereitet bist. Sie sind so unfassbar grausam, dass du sie dir gar nicht vorstellen kannst. Dennoch passieren diese Dinge. Du bist gezwungen, damit umzugehen, was auch immer das heißen mag.

Diese schlichten Sätze sind der einzige Text auf den ersten Seiten von Tina Brenneisens Graphic Novel. Die Bilder dazu schildern eindrücklich, wie die Autorin die ersten Tage im Krankenhaus, kurz nach der Geburt erlebt. Wie ihr Sohn Lasse aus dem Kühlhaus geholt und ihr gebracht wird. Wie Tini und ihr Freund Fritzemann ihn abwechselnd im Arm halten.

Als wir die Klinik verlassen, kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder Teil dieser Welt zu werden. Fritzemann geht es genauso. Niemand hat den Tod gern in seiner Nähe. Uns begleitet er von nun an jeden Tag.

Zeichnen als Traumatherapie

Er lähmt das Paar, lässt die Autorin zweifeln und immer wieder verzweifeln – an sich selbst, an ihrem Körper und am Leben, das um sie herum einfach so weiter geht.

Irgendwann wollte ich auch wieder arbeiten, auch um mich abzulenken, war aber viele Monate in der Trauer gefangen und gar nicht in der Lage, einfach so mit der nächsten Geschichte weiter zu machen, also hab ich erst mal das gezeichnet, was ich erlebt, gedacht, gefühlt habe. Und mein Freund hat mich dann sehr ermutigt, die Geschichte zu teilen. Er fand das wichtig für uns und für die Betroffenen, aber auch für alle anderen, die noch nie etwas damit zu tun hatten.

Tina Brenneisen

Tina Brenneisen hat Bilder gefunden, die genauso persönlich wie offen sind. Und sehr eindrücklich: Da ist das Paar, das alleine aus der Klinik nach Hause kommt – in grauer Sträflingskleidung mit schweren, gelben Ketten an den Beinen. Da ist ein wutroter Ringkampf gegen einen gealterten Mohammed Ali und eine sehnlichst herbeigewünschte Kapsel aus Zeit, in die man schlüpfen und einfach alles vergessen kann.

Emotionale Bilder mit zartem Humor

Und da ist immer wieder der Alltag, durch den Tini und Fritzemann sich tapfer hindurch kämpfen und versuchen, so etwas wie ein normales Leben wieder zu finden. Was noch viel schwieriger wird dadurch, dass Tinis Familie – offenkundig überfordert – den Kontakt zu ihr abbricht. So wie auch andere sich lieber zurückziehen, als ein Tabu zu berühren.

Kostet es Euch so viel Überwindung, auch nur ein einziges Wort an mich zu richten?

Es ist eigentlich gar nicht zum Aushalten – und gerade darum ist "Das Licht, das Schatten leert" ein ganz besonderer Comic: Nicht nur wegen der starken, emotionalen Bilder – er ist auch poetisch erzählt. Vor allem aber schafft die Autorin es immer wieder, trotz allem einen zarten, schelmischen Humor aufblitzen zu lassen, der einen schmunzeln lässt.

Und sie zeichnet auch das, was ihr dabei hilft, das Trauma zu heilen: mitfühlende Freunde, eine Therapeutin – und besonders ihre und Fritzemanns gemeinsamen Rituale und Symbole. Zu denen auch das Buch selbst gehört, das sie privat das "Trostbuch" nennen.

Fazit

Tina Brenneisens couragierte Graphic Novel kann sicherlich auch andere Betroffene trösten – auf jeden Fall hilft sie dabei, das große Tabu "Totgeburt" endlich anzuschauen. Der Comic "Das Licht, das Schatten leert" wurde 2017 mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis prämiert – das ist die höchstdotierte deutsche Auszeichnung für Comics.

Infos:
Tina Brenneisen: Das Licht, das Schatten leert, Edition Moderne, 240 Seiten, 29 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. November 2019, 12:40 Uhr

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