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Buch-Tipp

Benzin

Trip in eine paranoide Extremsituation

27. März 2019

Ein schwules Ehepaar begibt sich auf einen Trip mit dem Auto durch Südafrika. Sie wollen Klarheit in ihre Beziehung bringen, geraten aber immer mehr aus der Spur – und der Sprit ist knapp. Tomasz Kurianowicz hat das Buch gelesen.

Cover: Gunther Geltinger, Benzin, Suhrkamp [Quelle: Suhrkamp]
Gunther Geltinger, Benzin, Suhrkamp [Quelle: Suhrkamp]

Tomasz Kurianowicz über "Benzin" [5:06 Minuten]

Worum geht es in "Benzin"?

Es geht darum, an der Fremdheit in einem fernen Reiseland zu verzweifeln. Das passiert zumindest den beiden Protagonisten des Romans: Vinz und Alexander sind ein schwules Berliner Paar zwischen 40 und 50 und entscheiden sich dafür, ihren Urlaub in Südafrika zu verbringen. Sie fahren mit dem Auto durchs Land und suchen nach Abenteuern. Aber vor allem wollen sie ihre brüchige, in die Jahre gekommene Beziehung zurechtbiegen. Denn Vinz und Alexander leben seit acht Jahren in einer homosexuellen Partnerschaft, die nicht mehr richtig funktioniert. Vinz ist Schriftsteller, Alexander Biologe, beide sind gelangweilt von sich und ihrem Alltag. Getreu dem Motto: "Mitte der Gesellschaft, Mitte des Lebens, was soll jetzt noch kommen?"

Und was kommt?

Sehr viel! Geltinger hat einen Roadtrip-Roman geschrieben. Und zu einem echten Roadtrip gehört natürlich die große Katastrophe. Diese wird perfekt inszeniert: Vinz und Alexander hören bei der Autofahrt ein lautes Scheppern und stellen plötzlich fest, dass sie einen Einheimischen angefahren haben. Der Mann, der sich später als Unami vorstellt und aus Simbabwe kommt, kauert am Boden, stöhnt und keucht, doch er lebt noch. Die Deutschen entscheiden sich dafür, den Mann zu verarzten und ihn auf die Reise mitzunehmen. Unami ist ab jetzt so etwas wie die Brücke zwischen ihrer und der südafrikanischen Welt. Vertrauen tun sie ihm trotzdem nicht.

Kommt es zu weiteren Katastrophen?

Es wird nicht besser. Das schwule Paar stürzt von einer Grenzsituation in die nächste. Ominöse Polizeikontrollen, unverständliche Gespräche, unfassbare Begegnungen mit den Einheimischen – Gunther Geltinger lässt nichts aus. Überall sieht Vinz eine Gefahr; in jedem Zusammentreffen vermutet Alexander einen Trick, der die Reisenden ins Verderben locken soll. Der ganze Roman pendelt zwischen Staunen und Überforderung. Die Begegnung mit dem Reiseland verwandelt sich schnell zu einer paranoiden Extremsituation. So ist auch übrigens Geltinger Sprache: voller Übertreibungen und Metaphern der Verzweiflung. Nichts ist schön an dieser Expedition. Alles existiert, um die Protagonisten aus ihrer Komfortzone zu holen und sie auf die Probe zu stellen.

Was Lernen wir über die Liebesbeziehung der beiden Protagonisten?

Sehr viel. Eigentlich ist dieses Buch ein Beziehungsroman. Gunther Geltinger, 1974 geboren, wendet Orts- und Zeitsprünge an, um die Reise als Schlusspunkt einer Beziehungskrise verständlich zu machen. Die Krise ist, oberflächlich betrachtet, rein körperlich. Vinz und Alexander finden sich nicht mehr begehrenswert – und sie kommen mit ihrem Alter nicht klar. Geltinger beschreibt, dass dieses Phänomen gerade bei schwulen Paaren zu einem großen Problem wird, also bei Paaren ohne Kinderwunsch. Es ist nebenbei ein Buch über homosexuelle Liebe geworden, darüber, was sie so speziell macht, was sie von heterosexuellen Beziehungen unterscheidet und welche Rolle der Körperkult darin spielt.

Fazit

Geltinger hat viel recherchiert, über Südafrika und die krassen Kontraste, auf die man als Besucher dort stößt. Die eigentliche Stärke ist aber Geltingers Stil. Dem Schriftsteller gelingt es, die banalsten Beobachtungen in rasante Pointen zu verwandeln – wie etwa Schlaf "als unschuldigste Aussparung von Welt" zu bezeichnen oder festzustellen, dass "das beste Mittel gegen die lähmende Erkenntnis der Endlichkeit jedes menschlichen Wesens" harte Arbeit sei. Als Leser ertappt man sich dabei, wie man ständig Sätze unterstreichen und sie wie kleine Kunstwerke an die Wand pinnen will. Ein Impuls, der sich beim Lesen von Romanen ja wirklich nur selten einstellt. Deshalb: Lesen!

Infos:
Gunther Geltinger: Benzin, Roman, Suhrkamp Verlag, 24 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. März 2019, 12:40 Uhr

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