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Buch-Tipp

Barbara

Liebesnovellen und Raubtiergeschichten

26. März 2019

Bänkelsänger der Nation, Lyriker und Liedermacher: Wolf Biermann schreibt und singt seit über 50 Jahren gegen politische Ideologien an. Sein neuestes Buch ist voller unglaublicher Geschichten über sein Leben. Wolf Biermann schildert persönliche Episoden, Eroberungszüge, Liebesnächte und Erinnerungen an den Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat – direkt und unverblümt. Katrin Krämer hat es gelesen und Wolf Biermann persönlich getroffen.

Wolf Biermann mit seinem Buch "Barbara" [Quelle: Radio Bremen, Jana Wagner]
Wolf Biermann mit seinem Buch "Barbara" [Quelle: Radio Bremen, Jana Wagner]

Wolf Biermann: Barbara [4:46 Minuten]

Welche Geschichten erzählt Wolf Biermann?

Geschichten, die sein Leben schrieb. Der Mann hat ein unfassbar reiches Leben, da kann er aus dem Vollen schöpfen. Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren, seine Eltern waren Kommunisten und im Widerstand. Wolf Biermann wuchs weitgehend vaterlos bei seiner Mutter Emma auf, weil sein Vater von den Nazis interniert wurde: Sechs Jahre saß er in Bremen-Oslebshausen, bevor er nach Auschwitz gebracht und ermordet wurde, so wie einige jüdische Verwandte auch.

Wolf Biermann ging später in die DDR, weil er an einen besseren Staat glaubte. Aber er merkte dort bald, wie menschenverachtend dieses System war. Er geriet ins Visier der Stasi, bekam Auftrittsverbot und wurde 1976 ausgebürgert.

Da hat sich einiges angesammelt und so schreibt er über seine Kindheit, über seine Zeit als Regieassistent am Berliner Ensemble, über seine Kinder und immer wieder über seine Frauen, über Seitensprünge und seine großen Lieben.

Die Geschichten sind allesamt sehr persönlich. Wolf Biermann führt seit Jahrzehnten akribisch Tagebuch, geht nie ohne Notizbuch aus dem Haus. Aus diesem Fundus hat er geschöpft und diese 18 Geschichten zusammen getragen, die er auch nicht ohne Grund "Novellen" nennt, weil die klassische Definition nach Goethe ja ist, dass der Ausgangspunkt einer Novelle eine "unerhörte Begebenheit" sei – und im Kern trifft das auch auf diese Erzählungen zu.

Lieblingsgeschichten

Wolf Biermann und Katrin Krämer auf der Leipziger Buchmesse. [Quelle: Radio Bremen, Jana Wagner]
Wolf Biermann und Katrin Krämer auf der Leipziger Buchmesse. [Quelle: Radio Bremen, Jana Wagner]

Ich habe zwei Lieblingsgeschichten. Die eine ist wunderbar versponnen, darin geht es darum, wie Biermann – damals noch in der DDR – seine Gitarre gefunden hat, die ihn lange begleitet hat. Das war eine "Weißgerber", die Stradivari der Gitarren. Er entdeckte sie in einem Laden, konnte sie sich aber nicht leisten. Und dieses gute Stück hing ewig im Schaufenster und wurde immer trauriger – so erzählt Biermann, aber die Verkäuferin ließ nicht mit sich handeln, obwohl die Gitarre kurz vor dem Verfall stand. Wolf Biermann ärgert sich über "die missgelaunte Sklavenwurschtigkeit in der Planwirtschaft" und arbeitet sich an der Mentalität der DDR ab. Aber es gab ein Happy End, er hat die Gitarre dann praktisch im Müll wieder entdeckt und restaurieren lassen.

Meine andere Lieblingsgeschichte spielt in seiner Heimatstadt Hamburg, wo er heute wieder lebt. Wolf Biermann erzählt, wie er einmal eine Eisenbahnschwelle geklaut hat, von einem Gelände in Altona, das über Nacht platt gemacht wurde, obwohl von hier die Transporte der Hamburger Juden nach Minsk ins Ghetto gingen. Das hatte ihm seine Mutter erzählt. Diese Eisenbahnschwelle wollte er als Mahnmal im Garten aufstellen. Dabei wurde er beobachtet und verpetzt. Und wie er seine Tat begründete, das erzählt er so:

Ich habe diese Schwelle nicht gestohlen, sondern verhaftet! Sie ist schuldig daran, dass meine ganze Familie in der Nazizeit ermordet wurde – die deutsche Eiche hätte sich ja aufrichten müssen vor Entsetzen darüber, dass die Menschen in den Tod getrieben werden. Und das hat sie nicht getan – das ist unterlassene Hilfeleistung. Und deswegen musste ich diese Eisenbahnschwelle verhaften. Damit ich meinen Kindern zeigen kann, warum sie keine jüdische Familie mehr haben.

Das ist typisch Biermann: ein Teil Kämpferseele, ein Teil Schelm, Charmeur und Fabulierer.

Fazit

Mir haben die Geschichten überwiegend Spaß gemacht – weil sie aus diesem prallen Biermannleben kommen. Aber man muss auch seinen Altherrenblick auf die Frauen aushalten können, die Rolle als ewiger Verführer und Vernascher, das ist dann manchmal ein bisschen viel.

Infos:
Wolf Biermann: Barbara – Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten, Ullstein Verlag, 288 Seiten, 20 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 26. März 2019, 12:40 Uhr

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