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Buch-Tipp

Oben und unten

28. Februar 2019

Im Fernsehsender Phoenix diskutieren die Journalisten Jakob Augstein und Nikolaus Blome Woche für Woche über die Fragen der Zeit. Das ist tempo- und geistreich, aber flüchtig. Deshalb ist es hilfreich, dass sie ihren Schlagabtausch nun zum zweiten Mal verschriftlichen: "Oben und unten" heißt das Buch, Untertitel "Abstieg, Armut, Ausländer – was Deutschland spaltet". Bremen-Zwei-Reporter Martin Busch hat es gelesen.

Im Fernsehsender Phoenix diskutieren die Journalisten Jakob Augstein und Nikolaus Blome Woche für Woche über die Fragen der Zeit. Das ist tempo- und geistreich, aber flüchtig. Jetzt haben sie ihren Schlagabtausch zum zweiten Mal verschriftlicht: "Oben und unten" heißt das Buch, Untertitel "Abstieg, Armut, Ausländer – was Deutschland spaltet". Bremen-Zwei-Reporter Martin Busch hat es gelesen.

Autor/-in: Jakob Augstein und Nikolas Blome
Länge: 3:59 Minuten
Datum: Donnerstag, 28. Februar 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

"Abstieg, Armut, Ausländer – was Deutschland spaltet" – das klingt nach einer explosiven thematischen Mischung…

Ja, die Themen sind es, und die Redner auch. Auf der einen Seite Augstein, der überzeugte Linke, der sich seinen Hang zur Utopie nicht ausreden lassen will. Auf der anderen Seite der liberal-konservative Blome, der sich eine Verteufelung der Agenda 2010 verbittet und darauf beharrt, dass die Zuwanderung aus kulturell und religiös völlig anderen Räumen gesteuert werden muss.

Ist das gesamte Buch wie die Fernsehsendung als Dialog gehalten?

Nein, die beiden belesenen und eloquenten Kontrahenten haben sich mehrere Gäste eingeladen. Von der Altenpflegerin über den Gewerkschafter, den Vorstand der Dresdner Tafel, den reichen Familienunternehmer bis hin zu Wolfgang Schäuble. Um eben zwischendurch auch mal andere Perspektiven auftauchen zu lassen. Das sind dann die Zwischenkapitel. Aber insgesamt lebt dieses Buch natürlich von der Gegensätzlichkeit der Positionen dieser zwei Köpfe. Sonst hat man ja normalerweise nur ein Narrativ in einem Buch. Und das Buch punktet damit, dass es aus aufgeschriebenen Unterhaltungen besteht. Oder zumindest so klingt – hier und da mögen vielleicht Formulierungen überarbeitet worden sein, aber das fällt nicht weiter auf.

Für die, die den Schlagabtausch vielleicht noch nie im Fernsehen gesehen haben: Wie läuft das ab? Was ist das Besondere?

Das Besondere ist, dass die beiden sich – bei aller Sachlichkeit – immer wieder sehr amüsant piesacken. Da wird auch schon mal auf die jeweilige Herkunft des Diskurs-Gegners verwiesen, selbst, wenn man gerade ähnlicher Auffassung ist. Ein Beispiel: Blome sagt "Au weia, ich rede schon wie ein Gesellschafts-Revoluzzer von unten. Wobei: Die kommen ja meist von oben, nicht wahr, Augstein? Dazu muss man wissen, dass Jakob Augstein viel Geld hat, weil er rechtlich der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein ist (biologisch ist er allerdings der Sohn von Martin Walser, aber das würde jetzt zu weit führen). Und Augstein wiederum hält Blome an einer Stelle vor, eine Welt aus schwäbischen Schraubenfabrikanten und Berliner Latte Macchiato-Müttern zu besingen.

Es geht ja um die Dinge, die Entwicklungen, die die Gesellschaft spalten.

Ja und ein Punkt, in dem sich beide einig sind, ist, dass die AfD nicht damit angefangen hat, sondern ein Produkt der Spaltung ist. Letztlich kann man das ganze Buch auf eine Frage reduzieren: Sind die Unzufriedenheit und die zunehmende Wut im Land nur eine Folge des globalisierten, ungeregelten Kapitalismus – so sieht es Augstein – oder spielt die Zuwanderung hierbei eine ebenbürtige Rolle – das ist die Meinung von Blome. Schön finde ich, dass man nicht mit Zitaten und Statistiken erschlagen wird, sondern diese zwei rhetorischen Möglichkeiten behutsam genutzt werden. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass in den ostdeutschen Bundesländern jeder Dritte weniger als 2.000 Euro brutto verdient. Das birgt soziale Sprengkraft. Blome sagt: Die Linke kümmert sich um alle möglichen Minderheiten; sie ist nicht mehr die Schutzmacht der kleinen Leute.

Gibt es am Ende des Disputs einen Hoffnungsschimmer?

Kommt drauf an, wem von den beiden man mehr folgt: Augstein wünscht sich Deutschland als neues Amerika, einen "German Dream": Alle, die ihr Glück suchen und sich an die Regeln halten, sollen kommen. Allerdings betont er, dass der Staat sich unbedingt um die Wohlstandskluft kümmern muss. Die untere Hälfte verfügt nur noch über 17 Prozent des Gesamteinkommens. Blome wiederum ist mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes äußerst zufrieden, spricht von Beinah-Vollbeschäftigung. Er glaubt aber zum Beispiel, dass für den Zusammenhalt der Gesellschaft ein KITA-Zwang wichtig wäre und dass das Nationale als Identitäts-Kategorie von der Politik nicht ignoriert werden darf. Er schließt mit: "Unruhige Zeiten liegen vor uns."

Buch-Infos:
Jakob Augstein, Nikolaus Blome: "Oben und unten", erschienen bei DVA, 270 Seiten, 20 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. Februar, 17:35 Uhr

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