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Buch-Tipp

Die Abgehobenen

12. Dezember 2018

Michael Hartmann vertritt die Auffassung, dass diejenigen, die in Deutschland die Realität maßgeblich bestimmen, abgehoben sind. Sie lebten dank einer Umverteilung von unten nach oben in einer zunehmend vom Rest der Bevölkerung getrennten Welt. Michael Hartmann, der bis 2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt war, beschreibt, wie "Wie die Eliten die Demokratie gefährden". Martin Busch hat es gelesen.

Cover: Michael Hartmann, Die Abgehobenen - Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Campus [Quelle: Campus]
Michael Hartmann, Die Abgehobenen - Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Campus [Quelle: Campus]

Bremen Zwei: Hartmann hat beschlossen, in seinem Buch bei Substantiven, von denen es beide Formen gibt, ausschließlich die männliche zu verwenden. Nicht nur aus Gründen der Lesbarkeit, oder?

Martin Busch: Stimmt. Diese Entscheidung entspricht der realen Diskriminierung: Laut Hartmann beträgt der Anteil der Männer in Deutschlands Eliten ungefähr 90 Prozent.

Bremen Zwei: Warum gefährden die Eliten unsere Demokratie?

Martin Busch: Weil sie eine Parallel-Gesellschaft von Nutznießern des Neoliberalismus darstellen, die unter ihresgleichen bleibt und sich in Wahrheit gar nicht für die Belange der Masse interessiert. Eigennutz geht vor Gemeinnutz. So passiert es, dass eine ehemalige Bundesverfassungsrichterin nach gerade mal einem Jahr im Vorstand von Volkswagen 12 Millionen Euro Abfindung bekommt. Die Einkommensexplosion in der deutschen Wirtschaft hat übrigens vor genau 20 Jahren begonnen, durch die Fusion von Daimler und Chrysler. Man musste doch die Einkünfte anpassen!

Bremen Zwei: Was heißt "unter ihresgleichen bleiben"?

Martin Busch: Man spricht von Kooptation: Der Nachwuchs wird selbst rekrutiert, was zur Folge hat, dass herkunftsabhängigen Persönlichkeitsmerkmalen bei der Auswahl neuer Eliten-Angehöriger eine herausragende Bedeutung beigemessen wird. Konsequenz: nicht einmal jedes achte Eliten-Mitglied stammt aus einer Arbeiterfamilie. In der Wirtschaft ist das ausgeprägter als in der Politik, aber auch da ist die Zusammensetzung laut Hartmann in den letzten zwei Jahrzehnten exklusiver und homogener geworden. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Bremen Zwei: Behandelt er nur die deutschen Verhältnisse oder blickt er auch auf die Eliten anderer Länder?

Martin Busch: In erster Linie blickt er auf die Eliten in den USA, in Großbritannien und in Frankreich. In Frankreich, sei es sogar möglich, von "Der Elite" zu sprechen statt von "Den Eliten", weil die Verbindungen zwischen den verschiedenen Eliten derart eng sind. Die kennen sich oft von der "École nationale d'administration", der renommiertesten Schule für Verwaltungswissenschaften. Da sind nicht nur die Konzern-Bosse ausgebildet worden, auch die Staats-Präsidenten: Giscard d’Estaing, Chirac, Hollande, Macron.

Bremen Zwei: Zieht sich das "Eliten-Bashing" durch das gesamte Buch?

Martin Busch: Ja, die Quintessenz lautet: Die Eliten treiben die soziale Ungleichheit voran. Des einen Reichtum ist des anderen Armut: Zwischen 2010 und 2017 hat sich die Zahl der Milliardäre in Deutschland fast verdoppelt, aber auch die Zahl der Obdachlosen. Die Einkommensmitte, so der Autor, erodiert derweil. Und von wegen Deregulierung: Es gibt nicht nur Lobbyisten rund um Bundestag und Ministerien: Gerade im Finanzsektor seien die personellen Verflechtungen zwischen hoher Verwaltung und Wirtschaft besonders eng.

Bremen Zwei: Die Unzufriedenheit in Teilen der Gesellschaft ist ja nicht mehr zu ignorieren, Stichwort AfD. Für Hartmann hat deren Erfolg mit dem Verhalten der Eliten zu tun?

Martin Busch: Insgesamt haben Rechtspopulisten wie Le Pen, Wilders oder Gauland ihren Aufstieg laut Hartmann "zum größten Teil der neoliberalen Politik der in den vergangenen Jahrzehnten herrschenden Eliten zu verdanken". Für die Eliten ist es einfach, den Wahlerfolg der AfD mit nationalistischen Haltungen ihrer Mitbürger zu erklären, statt das große Thema soziale Gerechtigkeit anzupacken. Hartmann glaubt aber, dass das Volk in Deutschland, eher als beispielsweise in Frankreich, Chancen hat, die Entwicklung zu beeinflussen. Weil sie nicht ganz so homogen und exklusiv sind, unsere Eliten. Die größte Wahrscheinlichkeit für eine fundamentale Wende beobachtet er derzeit allerdings in Großbritannien in der Person des Labour-Politikers Jeremy Corbyn. Die Hälfte von dessen Schattenkabinett stammt aus Arbeiterfamilien.

Infos:
von Michael Hartmann: "Die Abgehobenen", Campus Verlag, 276 Seiten, 19,95 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. Dezember 2018, 12:40 Uhr

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