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Reportage

Tempo 100 vor dem Kindergarten

In Cappel an der Nordseeküste leben 700 Menschen. Weil der Kindergarten vor dem Ortsschild liegt, ist dort Tempo 100 erlaubt. Ein Tempolimit hat der Landkreis abgelehnt. Denn: Schließlich sei noch kein Unfall passiert. Jens Schellhaas hat sich umgeschaut.

Ein Auto fährt an einer Bushaltestelle vorbei [Quelle: Radio Bremen, Jens Schellhaas]
Keine Befestigung, kein Schutz – hier warten Schulkinder auf den Bus. [Quelle: Radio Bremen, Jens Schellhaas]

Die Reportage zum Anhören::
Tempo 100 vor dem Kindergarten [3:45 Minuten]

Ein Unfall. Passiert ist er im Kindergarten "De lütte Kinnerstuv" auf einem Filzteppich mit aufgemalten Straßen. Hier ist nochmal alles gut gegangen. Nicht einmal die kleinste Schramme gibt es an den beiden roten Spielzeugautos. Auch draußen vor dem Kindergarten ist bisher alles gut gegangen. Cappelns Ortsvorsteher Rolf Bohlen fürchtet allerdings, dass das langfristig so nicht bleibt.

Die Bushaltestelle steht hier direkt am Straßenrand. Keine zwei Meter weiter fällt der Grünstreifen ab in einen ausgetrockneten Graben. Es ist matschig und glitschig. Vielleicht einen Meter vor uns rast ein Auto vorbei. Ausweichen kann es uns nicht, weil ihm ein zweiter Wagen entgegen kommt.

Kein Verständnis beim Landkreis

Erlaubt sind hier 100 Stundenkilometer – wie üblich auf einer Kreisstraße. Allerdings: Hier warten Kinder auf ihren Schulbus, Grundschulkinder – im Winter oft genug, wenn es dunkel ist. Ortsvorsteher Bohlen will deshalb, dass hier künftig nur noch 50 gefahren wird. Aber Jan-Dirk Schäfer, Sachbearbeiter in der Verkehrslenkung beim Landkreis Cuxhaven, hat abgelehnt. Er hat kein Verständnis für den Wunsch eines Tempolimits.

Warum wird es nicht akzeptiert, dass derzeit glücklicherweise eine völlig unauffällige Unfalllage existiert, wo es offensichtlich klappt?

Jan-Dirk Schäfer, Sachbearbeiter beim Landkreis Cuxhaven

Ortsvorsteher Rolf Bohlen sieht das anders. Er hat Angst, dass ein Kind auf die Straße läuft, ausrutscht oder rangelt und dann überfahren wird. Bei Grundschulkindern kein abwegiges Szenario. Doch Schäfer findet, die Aufsichtspflicht hätten die Eltern – nicht die Behörde.

Bisher keine Unfälle

Jan-Dirk Schäfer appelliert an das angemessene Verhalten der Autofahrer. Aber warum tut er Eltern und Kindern, dem Ortsvorsteher und dem Kindergarten von Cappel nicht einfach den Gefallen und senkt die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 auf 50 Stundenkilometer? Tut doch keinem weh. Doch, findet Schäfer.

Das ist ja aber ein Eingriff in die Freiheit des jeweiligen Bürgers. Also an sich ist diese Straßenverkehrsordnung ein Spiegelbild unseres föderativen Rechtsstaates. Je weniger Beschränkungen, umso besser.

Jan-Dirk Schäfer, Sachbearbeiter beim Landkreis Cuxhaven

Jan-Dirk Schäfer seien die Hände gebunden, sagt er. Er dürfe nicht, selbst wenn er wollte.

Versorgung in Gefahr?

Neben der unauffälligen Unfalllage sieht der Zuständige beim Landkreis Cuxhaven auch die Versorgung in Gefahr. Wenn die Geschwindigkeit an dieser Stelle reduziert würde, könnten schließlich wichtige Dinge den Ort erst später erreichen.

Soll heißen: Da kann ja jeder kommen, und am Ende bekommt der Supermarkt zu spät sein Toilettenpapier. Ortsvorsteher Bohlen wollte ja auch nur ein paar Kinder an der Kreisstraße in Cappel schützen. Ich verstehe, kehre nach unserem Gespräch noch einmal an das kleine Haltestellenschildchen zurück und verliere vom plötzlichen Windzug eines LKWs fast den morastigen Boden unter den Füßen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei 19. März 2020, 7:35 Uhr

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