Livestream

Bremen Zwei Programm

#coronageschichten

Zwischen schützendem Hafen und eigener Unsicherheit

Daniela Krause hat einen Brief an ihre Tochter geschrieben. Die Bremerin teilt Gedanken und Gefühle, die zurzeit viele Eltern nachvollziehen können – und trotz all der Ungewissheit bleibt sie optimistisch. Ihr Brief ist einer der ersten Beiträge, den wir unter dem Hashtag #coronageschichten veröffentlichen.

Daniela Krause hält ihre Tochter im Arm. [Quelle: Jens Krause]
Daniela Krause und ihre Tochter machen das Beste aus der Isolation. [Quelle: Jens Krause]

Daniela Krause lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn (6) und ihrer Tochter (3) in Arsten. Die Bremerin ist freie Journalistin, Texterin und bloggt über Kinderbücher – Aufträge bekommt sie zurzeit allerdings kaum noch. Sie versucht deshalb, die unerwartete gemeinsame Familienzeit zumindest für schöne Dinge zu nutzen. Den nachfolgenden Text hat sie zuerst auf Facebook veröffentlicht.

Da draußen

Ich liege neben dir, lausche deinem Atem, verliere mich im Anblick deines friedlichen Gesichts. Mein Herz voller Liebe. Mein Kopf voller Fragen und Ängste. Dein Bruder ist noch wach. Dein Papa liest ihm gerade etwas vor. Was war das für ein Tag, mein Liebes? Und wie lange wird es so weitergehen? Da draußen sterben täglich Menschen, andere kämpfen ums Überleben, andere sorgen dafür, dass das "normale" Leben trotz aller Einschränkungen nicht ins Chaos abdriftet – und bringen sich dadurch selbst in Gefahr.

Es ist ein Virus. Klitzeklein. Der jeden treffen kann. Das macht ihn so tückisch. So ungreifbar. Ich möchte dir immer wieder sagen: "Dir kann nichts passieren, mein Engel." Aber andere kann es treffen: deine Großeltern, die Erzieher*innen in deinem Kindergarten, geschwächte Menschen mit Vorerkrankungen oder akuten gesundheitlichen Problemen – auch Jüngere. Und auch die Menschen, die da draußen gerade alles für uns geben. Zu denen wir nicht oft genug "Danke!" sagen können.

Deine kleinen sonst so weichen Hände, sind ganz kaputt vom vielen Händewaschen und Cremen. Aber du weißt, dass es sein muss. Dass es gerade lebenswichtig ist: "Noch einmal alles seifen und auf die Viren pfeifen!"

Immer wieder Hände waschen, auch wenn du es nicht mehr hören kannst. Papa genauso, wenn er vom Einkaufen nach Hause kommt, bevor er euch in die Arme schließen darf. "Corona" ist längst in deinem Wortschatz verankert. Trotzdem fragst du mich: "Mama, was ist ein Virus?" Und du weißt: "Er macht die Menschen krank."

Ihr versteht die Welt nicht mehr

Ihr dürft nicht mehr auf den Spielplatz, nicht mehr in die Stadtbibliothek oder auf die kleine Farm in unserer Nähe. Um andere Menschen da draußen müssen wir einen Bogen machen. Treffen mit Freunden sind gestrichen. Wir sollen, wann immer es geht, zu Hause bleiben. Alles, um uns, aber vor allem andere, zu schützen. Wahrscheinlich versteht ihr die Welt nicht mehr. Uns geht es ja genauso.

Es hat sich in so kurzer Zeit so viel verändert. Mama und Papa haben Sorgenfalten auf der Stirn, die sie nicht verbergen können, sind manchmal lauter als sie sein möchten. Dabei wollten wir doch weniger schimpfen, mehr Verständnis füreinander haben.

Dein Bruder ist derzeit sehr empfindlich und schnell reizbar. Du selbst bist mit deinen Gefühlen oft völlig überfordert. Möchtest wieder ein "kleines Baby" sein. Das Schlimmste für euch ist: Ihr dürft nicht mehr zu euren geliebten Großeltern. Stattdessen telefonieren wir regelmäßig. Opa macht seine Faxen für euch per Videoübertragung. Ihr fragt uns: "Wann dürfen wir endlich wieder zu Oma und Opa?" Und es tut so weh, weil wir wissen, wie sehr ihr sie vermisst. Weil wir sie ebenso vermissen. Und weil wir euch diese Frage einfach nicht ehrlich beantworten können. Was sollen wir euch sagen? "Bald. Wenn das alles durchgestanden ist."?

Ein schützender Hafen im Sturm

Doch was ist bald? Ein Monat, zwei Monate, fünf, ein ganzes Jahr? Ich weiß nicht, wie lange wir das aushalten müssen. Wie lange sie das aushalten werden. Denn ihr fehlt ihnen mit jedem Tag mehr. Und Telefonieren ist eben nicht dasselbe. Wir sind eine Familie. Wir sind füreinander da. Wir müssen zusammenhalten. Wir müssen uns rüsten gegen den Sturm, der da draußen aufzieht.

Wir müssen für euch der schützende Hafen sein – mehr denn je. Wir dürfen nicht den Mut verlieren. Wir müssen stark sein. Für euch. Für uns.

Was haben wir gestern beim Verstecken spielen gelacht, als ihr mich in der Badewanne hinter dem Duschvorhang gefunden habt. Was hattet ihr für einen Spaß, als ihr mit Papa zu lauter Musik wie Flummis durchs Wohnzimmer gehüpft seid! Wie schön ist es, gemeinsam zu lachen, für einen Moment ganz in euer Spiel, eure kleine heile Welt einzutauchen. Wir können gerade nicht genug davon bekommen. Die Unbeschwertheit dieser Augenblicke ist es, die uns Halt und Hoffnung gibt.

Wir möchten Kind sein, uns mit euch verstecken. So lange bis das alles vorüber ist. Bis wir aufatmen können. Bis wir wieder so etwas wie ein "normales" Leben führen können.

Auch wenn die Welt da draußen dann eine andere sein wird. Vielleicht ja eine bessere. Weil Menschen aus ihren Fehlern lernen. Weil wir erkannt haben, was wirklich wichtig ist. Weil ich so gerne daran glauben möchte, dass am Ende alles gut wird. Für euch. Für uns. Für alle.

Autorin: Daniela Krause

Programm