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Bremen Zwei Musik

Rassismus in der Klassik

"Schwarze Dirigenten gelten als weniger fähig"

Interview mit dem Dirigenten Brandon Keith Brown

Der US-amerikanische Dirigent Brandon Keith Brown findet: Die Klassik hat ein Rassismus-Problem – und das sollte sich ändern. Bremen Zwei-Moderatorin Jessica Liedtke hat mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen.

Brandon Keith Brown [Quelle: Neda Navaee]
Brandon Keith Brown: "In der Klassik ist jeder, der Entscheidungen trifft, weiß." [Quelle: Neda Navaee]

Hier können Sie das Interview anhören:
Rassismus in der Klassik [6:48 Minuten]

Jessica Liedkte: "Mr. Brown, wenn ich mir Ihren Lebenslauf angucke, sieht das nicht so aus, als wären Ihnen im Verlauf ihrer Karriere in der klassischen Musik mal Steine in den Weg gelegt worden. Dennoch haben Sie Rassismus in Konzertsälen erlebt."

Brandon Keith Brown: "Für mich ist alles zusammengebrochen, als ich gemerkt habe, dass mein Schwarzsein mein Talent überschattet. Als ich 2017 bei der Brown University anfing, wurde mir gesagt: 'Du wurdest nur angestellt, weil du Schwarz bist'. Noch bevor die Studierenden mich getroffen hatten, haben sie mir per E-Mail gesagt, sie hätten Angst vor mir."

Ich habe erkannt, dass Menschen nur mein Schwarzes Gesicht sehen – und nicht, dass ich ein Dirigent bin.

Brandon Keith Brown, Dirigent

"Es gab eine Hetzkampagne in der Zeitung. Ein Student hat mich körperlich angegriffen und ich wurde drei Tage später gefeuert. Ich passe nicht rein, wurde mir gesagt. Das wurde international bekannt und verleumdet mich. Aber nicht nur das. Ich habe erkannt, dass mein Schwarzsein vor meinem Talent kommt."

Zur Person:

Brandon Keith Brown wurde 1981 in North Carolina in den USA geboren. Mit neun Jahren begann er zu komponieren und mit elf wurde er das jüngste Mitglied des North Carolina All-State Orchestra.

Nach einem Musikstudium in den USA wählte ihn der Dirigent Kurt Masur für seine Meisterklasse aus. 2012 war er einer der Preisträger beim Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti in Frankfurt am Main. Im April 2013 gab Brown sein Europa-Debüt. Seitdem hat Brown verschiedene Orchester in Deutschland dirigiert: das Rundfunk-Sinfonie Orchester Berlin, die Staatskapelle Weimar und die Nürnberger Philharmoniker. Brandon Keith Brown lebt in Berlin.

Jessica Liedkte: "Wann kam der Punkt, an dem Sie gesagt haben: 'Jetzt reicht es mir, ich werde über den Rassismus sprechen, der mir und anderen widerfährt. Ich bin Aktivist'?"

Brandon Keith Brown: "Es gab nicht diesen einen Moment. Es war eine langsame Entwicklung. Ich musste mich selbst damit erst einmal wohlfühlen. Natürlich war ich Schwarz, bevor ich ein Künstler wurde. Aber wir alle wollen als Künstler wahrgenommen werden. Wenn ich unterwegs bin, wechseln Menschen nachts die Straßenseite. Wenn ich im Zug sitze, stehen andere Menschen auf – auch in Deutschland. Ich werde mit dem N-Wort beschimpft. Das musste mir alles erst einmal bewusst werden. Aber vor allem musste ich erkennen, dass es institutionalisierten Rassismus und weiße Vorherrschaft auch in der Klassik gibt. Weiße entscheiden, wer Karriere machen darf – und die Plätze teilen sie gerne unter sich auf.

Während Corona haben wir gemerkt: Weiße, die für Weiße spielen, funktionieren nicht mehr. Wenn das Geschäft darauf beruht, nur an wenige zu verkaufen, ist es nicht Musik, sondern weiße Vorherrschaft. Als Schwarzer erlebe ich "Racial Profiling" in Deutschland. Und dass auf politischer Ebene nicht zu untersuchen, leugnet den Rassismus in Deutschland. Zählt meine Menschlichkeit als Schwarzer Mann?"

Weiße müssen aufhören, die rassistischen Erfahrungen von Schwarzen zu leugnen, nur weil es unangenehm für sie ist. Lernt euch mit Unwohlsein wohl zu fühlen! Von der Polizei getötet zu werden, den Job zu verlieren oder daran gehindert zu werden, das eigene Talent auszuüben, ist schlimmer."

Jessica Liedtke: "Woran liegt es, dass Rassismus auch in der Klassik-Szene ein Problem ist? Liegt es daran, dass klassische Musik als elitär gilt?"

Brandon Keith Brown: "Nein. Das sind zwei unterschiedliche Bereiche. Ethnie und Klasse sind getrennt. Aber klassische Musik trennt zwischen sozialer Schicht und Ethnie mehr als jedes andere Genre. [...] In der Klassik ist jeder, der Entscheidungen trifft weiß – die Musiker, die Verwaltung, das Publikum, die Aufnahmeindustrie. Wir sind gern mit Leuten zusammen, die uns ähneln. Da viele keine Schwarzen sehen, glauben sie, dass wir unterlegen sind. Man sieht selten Schwarze Dirigenten. Wir gelten als weniger fähig als weiße oder asiatische Dirigenten. Wegen dieses Stigmas bekommen wir nicht die gleichen Chancen."

Jessica Liedtke: "Welche Lösungsansätze gibt es für diese Probleme? In diesem Zusammenhang haben Sie mal gesagt: 'Musiker sind die wirklichen Ärzte der Menschheit.' Wie meinen sie das?"

Brandon Keith Brown: "Der Soziologe Pierre Bourdieu hat schon gesagt, dass Musik die einzige Kunst ist, die direkt den Geist des Menschen erreicht. Und ich glaube, Deutschland versteht das besser, als jedes andere Land der Welt. Soweit ich weiß, ist Deutschland das einzige westliche Land, das auf Kultur und nicht auf Politik begründet wurde. Deswegen ist Deutschland in der besten Position, das Bewusstsein der Menschen durch Musik zu verändern. Gesetze und Regeln werden die Herzen der Deutschen nicht ändern. Nur Musik kann das. Hitler wusste, dass er Richard Wagner braucht, um die Deutschen zu inspirieren. Aus bösen Gründen natürlich. Jetzt brauchen wir Musik, um eine hoch globalisierte deutsche Gesellschaft zu verbinden. Warmherzig und hochintelligent."

Die Menschen müssen erkennen, dass es sich um kein politisches Problem handelt. Sich mit schwarzen Menschen zu umgeben, ist nicht politisch. Es ist menschlich! Die klassische Musik muss ethnische Gerechtigkeit begrüßen und fordern. Nur so kann sie überleben und relevant bleiben in einer immer globalisierteren Gesllschaft.

Das Interview führe Jessica Liedkte auf Englisch. Wir haben die Antworten ins Deutsche übersetzt.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. Juli 2020, 11:40 Uhr

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