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Small World Turning

Ein Blick auf unsere Gesellschaft

26. Juli 2019

Sie ist eine der fleißigsten Künstlerinnen der britischen Songwriter-Szene. Seit gut zwanzig Jahren veröffentlicht die Thea Gilmore aus Oxford Alben, das neueste ist Nummer sechzehn in einer Discographie reich an Höhepunkten. Dazu zählt auch "Small World Turning" mit intensiven Songs für unsere Zeit.

Cover: Thea Gilmore, Small World Turning, Shameless (H'Art) [Quelle: Shameless (H'Art)]
Thea Gilmore, Small World Turning, Shameless (H'Art) [Quelle: Shameless (H'Art)]

Äußere und innere Barrieren

Mit dem traditionellen A-cappella-Wiegenlied "Mockingbird" beginnt Thea Gilmore ihr neues Album  – ganze 48 Sekunden lang. Dann wird die kindliche Unschuldsidylle ausgeblendet und hinweggefegt vom neuen Song "Cutteslowe Walls". Auch das eine Erinnerung – eine dunkle. An historische Mauern in Gilmores Heimatstadt Oxford, die einst dem reichen Bürgertum die Sicht auf Armut und Elend ersparen sollten. Ein Song als historischer Sozialkommentar für die Gegenwart.

Nach einigen durchwachsenen Experimenten in Sachen Pop kehrt Thea Gilmore mit diesem Album zurück zum Metier, in dem sie am besten ist. Mit Folk-Einflüssen musikalisch und mit brillanten Texten, die im Grunde zwei große Themen verhandeln: Das Thema äußere und innere "Barrieren", wörtlich wie metaphorisch, ergänzt durch Varianten einer bissigen Gesellschaftskritik, nicht nur an der britischen Malaise, auch darüber hinaus. Die Revisionisten sind wieder unterwegs, singt Gilmore. Mit Fahnen, Hass, und Populismus. Ein Song als Warnung.

Für ein gemeinsames Miteinander

Im Song "Blowback" singt Thea Gilmore dann vom Typus des großspurigen konservativen Opportunisten. In "Grandam Gold" blickt sie auf eine Gesellschaft, in der noch immer vererbter Reichtum und ein elitäres Bildungssystem zu politischer Macht verhelfen. Musikalisch tut sie es im Duett mit Folk-Star Cara Dillon. Überhaupt liefern Musiker der Folk-Szene wie die Brüder Lakeman einige brillante Beiträge zur musikalischen Gestaltung des Albums.

Thea Gilmore ist eine Songwriterin mit vielen Talenten. Ihre Uptempo-Songs sind energetisch, ihre Balladen intensiv. Man hört eine Stimme, die sich voll einbringt, dabei den Faktor Musik als gleichwertig gestaltet, gemeinsam mit Ehemann, Produzent und Multi-Instrumentalist Nigel Stonier, dem wichtigsten Kreativpartner der Songwriterin auch auf "Small World Turning". Einen Song gleichen Titels sucht man vergebens auf dem Album, doch man findet ein rezitiertes Gedicht gleichen Titels auf der Homepage von Thea Gilmore. Es kondensiert die Themen des Albums poetisch, doch Poesie findet man auch gesungen.

Am Ende steht ein weiteres Wiegenlied, diesmal ein eigenes. Der Song "Dreamers" steht für die andere, die hoffnungsvolle Seite von Thea Gilmore. Die trotz aller Kritik an der Gegenwart den Glauben an eine bessere Welt nicht verloren hat. Und Zuflucht findet in menschlicher Nähe sowie im gemeinsamen Miteinander. Mit ihren neuen Songs leistet die zweifache Mutter einen wunderbaren Beitrag dazu.

Thea Gilmore: Small World Turning [3:42 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 26. Juli 2019, 08:36 Uhr.

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