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Til the Morning

Ein kleines, feines Kammerpop-Album

19. Juli 2019

Das Hamburger Plattenlabel Tapete Records ist im Laufe der letzten Jahre zu einer Art Auffangbecken der gescheiterten Pop-Existenen geworden. Nicht auf den flotten Hit, sondern eher auf das gute alte Album wird gesetzt. Auch das zweite Album des britischen Duos "The Catenary Wireser" scheint unter der Flagge von Tapete Records.

Cover: Til the Morning [Quelle: Tapete / Indigo]
The Catenary Wires: Til the Morning [Quelle: Tapete / Indigo]

Langsam kommt die Musik zurück

Oh, süsser Vogel der Jugend. Frei und ohne an die vielleicht gar nicht so schillernde Zukunft zu denken, taumelt man selig durch die frühen Jahre des Lebens, probiert sich und seine Umgebung aus und ist Dank kontinuierlicher Selbstüberschätzung scheinbar unverwundbar. Erst später hinterfragt man vielleicht die jugendliche Arroganz.

Als Amelia Fletcher und Rob Pursey von den Catenary Wires noch wirklich jung waren, spielen sie in unerschrockenen Indiebands, bei Talulha Gosh, bei Heavenly oder Marine Research. Gute Frisuren und fiese Polyester-Hemden. Alles sehr cool, alles sehr London. Dann, quasi über Nacht, ist es vorbei. Das erste Kind verdrängt die E-Gitarre, London wird gegen das ländliche Kent eingetauscht. Erst sehr langsam kommt die Musik zurück. The Catenary Wires entstehen und sind gekommen, um zu bleiben.

Feinster Pop

Von ungestümen Vergangenheit des Duos hört man auf "Til the Morning" fast nichts mehr. Akustische Midtempo-Nummer bestimmen das Album, alles echt und emotional und manchmal auch von einer tiefen Melancholie begleitet. Wer Folk-Album dazu sagt, macht es sich zu einfach. Zwar gibt es einige folkige Elemente, zwar hören wir Akkordeon und Cello, zwar bewegt sich das Soundbild ab und zu gefährlich in Richtung Lagerfeuerecke. Trotzdem ist das hier feinster Pop.

Die Tempi-Wechsel innerhalb einiger Lieder gelingen genauso spielerisch wie die unverschämt natürliche Harmonie der beiden Stimmen. Ja, manchmal muss man schon an Lee Hazelwood und Nancy Sinatra denken, aber immer kurz bevor es zu einer albernen Persiflage verkommt, dürfen wir uns über Melodien und Refrain freuen, die eben mehr wollen und mehr wagen.

"Til the Morning" von The Catenary Wires ist ein kleines, feines Kammerpop-Album geworden, dass aber nie zu erwachsen, nie zu harmlos klingt. Die perfekte Platte für einen warmen Spätsommerabend.

The Catenary Wires: Til The Morning [3:33 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. Juli 2019, 11:40 Uhr.

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