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Ghosteen

7. Oktober 2019

Nach seinem düsteren Album "Skeleton Tree", in dem der Musiker den Tod seines Sohnes verarbeitete, erscheint nun "Ghosteen". Für Nick Cave ist es die neue Verbindung zur Welt und zu den Menschen.

Cover: Nick Cave and the Bad Seeds, Ghosteen, Ghosteen LTD (Rough Trade) [Quelle: Ghosteen LTD (Rough Trade)]
Nick Cave and the Bad Seeds, Ghosteen, Ghosteen LTD (Rough Trade) [Quelle: Ghosteen LTD (Rough Trade)]

Die Nachricht kam im Sommer 2015: Nach einem Klippensturz an der britischen Südküste ist Arthur Cave, der 15-jährige Sohn des australischen Songpoeten Nick Cave, tragisch ums Leben gekommen. Was für die Welt folgte, war eine quasi-öffentliche Aufarbeitung der Katastrophe auf dem düsteren Album "Skeleton Tree". Danach öffnete sich Nick Cave seinem Publikum bei Konzertabenden. Jetzt ist überraschend ein weiteres Album erschienen – "Ghosteen".

Erstaunliche Transformation

Es ist die erstaunliche Transformation eines enigmatischen Künstlers: Nach dem Verlust seines Sohnes und intensiver Trauerarbeit, öffnete sich Nick Cave auf dramatische Art und Weise öffentlich. Der von seinen Fans intensiv verehrte Song-Poet gab offenherzig Auskunft über sich und seinen Blick auf Leben und Tod. Cave antwortete öffentlich auf Zuschriften, dann in intimen Gesprächskonzerten mit der Überschrift "A Conversation With Nick Cave". Der große Songpoet der Finsternis fand damit offenbar in der Trauer neue Verbindung zur Welt und zu den Menschen. Auch "Ghosteen" ist Ausdruck dieser Entwicklung.

Trauerarbeit

Dieses kurzfristig angekündigte Doppelalbum ist als Ganzes eine zweiteilige und hellere Fortsetzung des dunklen "Skeleton Tree". Die Songs auf Teil eins seien "Die Kinder", Teil zwei "Die Eltern", so der Künstler nicht ohne Rätselhaftigkeit. Musikalisch bringt das Album lange und kürzere Song-Meditationen, inszeniert ausnahmslos über hymnischen Klavierakkorden und wabernd analogen Synthi-Sounds. Dazu kommen menschliche Chorstimmen, die einen Gegenpol zur solitären Solo-Stimme von Nick Cave bilden. Die hier auch in einem hohen Falsett-Register zu hören ist. Das ist neu – ein weiterer Aspekt der Öffnung.

Kein leichter Musik-Konsum für Nebenbei

Existentielle Trauer und Verlust sind noch immer zu spüren in dieser Musik. Doch Cave kontrastiert den eigenen seelischen Tumult mit neu gefundener Empathie. Dazu einem offenbar tief empfundenen Gefühl der Zugehörigkeit. Das ist empathisch und spirituell, verletzbar und stark zugleich. "Ghosteen" ist der songpoetische Klang von Trauerarbeit, genauer: Der Prozesshaftigkeit dieser Arbeit. Das Trauma schwingt mit, doch es wird überwunden auch durch die Beschwörung einer menschlichen Gemeinschaft des Verlustes und eine metaphysische Ausrichtung, in der der Geist des Verstorbenen weiter gegenwärtig ist. Das ist kein leichter Musik-Konsum für Nebenbei, aber es zählt zum Schönsten, was Cave bislang geschaffen hat.

Eine Erinnerung

Das Cover von "Ghosteen" zeigt eine naiv-paradiesische Landschaft mit biblischen Bezügen. "Ghosteen", das sei für ihn ein wandernder Geist, so Cave zum Titel dieses auch therapeutisch angelegten Großwerks. Es ist offenbar der Geist, der ihn weiter als Künstler vorantreibt. Der lange Titelsong findet sich auf Teil zwei des Doppelalbums, genau wie das vierzehnminütige "Hollywood". Beide sind – im Kontrast zu Teil eins des Albums - eine Erinnerung an den dunklen Ort, aus dem diese Musik und diese Poesie entsprang. Bevor sie sich mit dem Künstler verwandelte – in ein inspiriertes Statement menschlicher Zugewandtheit.

Nick Cave & The Bad Seeds: Ghosteen [3:41 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 07. Oktober 2019, 09:40 Uhr.

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