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Norman Fucking Rockwell!

19. September 2019

"Video Games" – das war der Song, mit dem die völlig unbekannte Lana Del Rey ihren Durchbruch hatte. Und mit dem sie das Genre "Hollywood Sadcore" erfand. Das war vor acht Jahren. Jetzt hat sie ihr sechstes Studioalbum veröffentlicht.

Cover: Norman Fucking Rockwell! [Quelle: Nonesuch]
Lana Del Rey: Norman Fucking Rockwell! [Quelle: Nonesuch]

Ein neues Selbstbild

50er-Jahre-Ästhetik, Retro-Sounds und Melancholie. Lana Del Rey hat ihr Erfolgsrezept gefunden. Und das wendet sie auch auf ihrem neuen Album wieder an. Doch es gibt auch Entwicklung: Auf ihren ersten Platten sang die 34-Jährige mit Vorliebe über Machos und sexy Taugenichtse, denen die Frauen trotzdem restlos verfallen waren. Ein eher rückständiges Geschlechterbild, das ihr viel Kritik einbrachte. Jetzt hat Lana Del Rey für solche Typen nur noch Mitleid übrig. Gleich im Opener ihres neuen Albums singt sie: "Verdammt nochmal, werd' endlich erwachsen, du verhältst dich wie ein kleiner Junge, obwohl du 1,90 bist." Das bedeutet für die Künstlerin nichts weniger als ein neues Selbstbild.

Ein Album voller Song

"Norman Fucking Rockwell!" – so hat sie ihr Album genannt. Namensgeber war der beliebte Zeitschriftenillustrator Norman Rockwell, dessen Bilder eine übertrieben geschönte Version des amerikanischen Alltagslebens der 1930er-60er Jahre zeigen. Del Rey selbst sagt, dass der Albumtitel mit dem eingeschobenen Vulgärausdruck die in Zeiten von Trump bis zur Unkenntlichkeit entstellten amerikanischen Werte und Traditionen darstellen soll. Sie seziert den amerikanischen Traum und legt seine abgründigsten Seiten frei. Die Songs sind allesamt langsam und schwermütig, sie lassen sich Zeit. Das epische "Venice Bitch" ist ganze zehn Minuten lang geworden. "Norman Fucking Rockwell!" ist ein Album voller Album-Songs: keine Singles, keine Radiohits. Für einen Popstar ist das heutzutage schon beinahe revolutionär.

Weg von der Kunstfigur

Mit dafür verantwortlich ist Hit-Produzent Jack Antonoff, der auch schon für Lorde und Taylor Swift an den Reglern saß. Antonoff ist sonst eher für pompösere Klänge bekannt, doch hier weiß er sich zurück zu halten. Breitwand-Sound adé! Stattdessen: Soft-Rock mit Klavier, Akustikgitarre, analogen Synthis und Streichern. Dazu Lana Del Reys typisch gehauchte Stimme. Die ist jedoch präsenter als je zuvor. Man soll sie verstehen. Denn Lana Del Rey ist jetzt Dichterin, sie bringt demnächst sogar einen Lyrikband heraus. Das hat auch auf ihre Songs abgefärbt: Elegante Wortspiele, subtile Andeutungen, so wichtig und so ergiebig waren ihre Texte noch nie. Alles in allem wirkt es so, als lasse Lana Del Rey die Kunstfigur, die sie so perfekt darzustellen vermochte, langsam hinter sich. Und traue sich mehr und mehr, sie selbst zu sein. Eine echte Person aus Fleisch und Blut: vielschichtig, selbstbestimmt – und irgendwie angenehm alltäglich.

Lana Del Rey: Norman Fucking Rockwell! [3:34 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. September 2019, 11:40 Uhr.

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