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Karine Polwart’s Scottish Songbook

Ein Folk/Pop-Liederbuch der besonderen Art

19. August 2019

Eine Folk-Künstlerin singt Pop-Songs. Das ist nicht ganz ungewöhnlich, doch wenn die schottische Sängerin und Songwriterin Karine Polwart sich jetzt eine bunte Auswahl schottischer Popsongs der letzten dreißig Jahre vornimmt, um ihnen neue Relevanz für die Gegenwart zu geben, dann klingt es erfrischend neu.

Cover: Karine Polwart's Scottish Songbook [Quelle: Hegri / Indigo]
Karine Polwart's Scottish Songbook [Quelle: Hegri / Indigo]

Die Idee

Es begann mit einer Ausstellung: 2018 zeigte das schottische Nationalmuseum in Edinburgh die Schau "Rip It Up: The Story Of Scottish Pop". Karine Polwart war begeistert und kuratierte ein begleitendes Konzert, in dem sie nicht nur die besten schottischen Songs ihrer eigenen Achtziger Jahre-Jugend sang, auch Popsongs von heute. Das jetzt als Album veröffentlichte Ergebnis ist eine reich aufgeladene Songkollektion mit viel Gefühl und viel Gehalt.

The Whole Of The Moon

Am Vorabend des schottischen Unabhängigkeits-Referendums von 2014 sang die auch politisch engagierte Sängerin "The Whole Of The Moon" von den Waterboys live für ein hoffnungsfrohes Publikum. Der Song erinnert die Sängerin bis heute an die Energie dieses Moments, verbunden mit Reminiszenzen an die eigene Jugend. "Musik jeder Art sollte ein arbeitender, lebender, und atmender Teil einer Gemeinschaft sein", sagte einst Stuart Adamson, der früh verstorbene Kopf der schottischen Rockband Big Country. Karine Polwart singt hier seinen Song "Chance". Entstanden in grauer Thatcher-Ära und doch hymnisch.

In den meisten dieser Songs aus Schottland findet man eine emotionale Komplexität, die sie aus der Zeit ihrer Entstehung enthebt. Karine Polwart sucht dabei nach Tiefe und auch nach einer imaginären Seelen-Gemeinschaft, die so empfindet wie sie selbst. "Es fällt schwerer zuzuhören und schwerer hinzusehen", sang der Songwriter John Martyn Mitte der siebziger Jahre in seinem Song "I Don’t Want To Know". Es könnte ein Song für heute sein.

Die schottische Pop-Gegenwart

Auch die schottische Pop-Gegenwart ist vertreten – mit Songs aus dem Repertoire junger Bands wie "Churches" oder "Frightened Rabbit". Die Mittvierzigerin Polwart findet auch in der Musik nachfolgender Pop-Generationen Qualität. Dass sie dabei auch leichtgewichtigerem Material innige Ernsthaftigkeit verleiht, mag nicht jedem Pop-Fan gefallen. Es ist aber das Naturell dieser Folkmusikerin. Für sie spricht ein guter Song von Orten, Menschen und realen Kräften, die reale Erfahrungen verhandeln, dabei Identität stiften. Im Folk wie auch im Pop.

Wenn am Ende mit “Women Of The World” ein Text des Dichters und Songwriters Ivor Cutler wie ein Mantra erklingt, dann findet auch die feministische Seite von Karine Polwart ein Outlet auf diesem gekonnt arrangierten Folkpop-Album, mit vielen Illustrationen und erläuternden Texten im Booklet, in liebevoller Aufmachung. Das Konzert-Repertoire dazu hat noch viele Songs mehr zu bieten. Man darf sich hoffentlich auf eine Fortsetzung freuen.

Karine Polwart: Karine Polwart's Scottish Songbook [3:40 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. August 2019, 12:38 Uhr.

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