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Gentleman

8. Mai 2020

Seine frühen Erfolge feierte er als Popkünstler, doch schon länger ist der Sänger und Saxophonist Curtis Stigers ein "jazzman" – mit Anzug und Krawatte, ganz in alter Tradition. Und die beschwört er auf seinem neuen Album. Das bringt Vokaljazz mit nostalgischem Ambiente und einer moralischen Botschaft.

CD-Cover: Gentleman [Quelle: Umi Jazz Germany]
Curtis Stigers: Gentleman [Quelle: Umi Jazz Germany]

Eine ungewöhnliche Zeit

Es ist definitiv derzeit so, dass nicht alles einfach seinen Gang geht. Wir sind inmitten einer Pandemie. Es ist schon eine ungewöhnliche Albumveröffentlichung. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Curtis Stigers

"Business as usual" gilt nicht derzeit – auch nicht für Curtis Stigers, der sein neues Album von zu Hause aus promoten muss und nicht auf Tour gehen kann. Es beginnt mit dem Song eines Mannes, dem die Dinge etwas entglitten sind in seinem Leben. Auch Stigers hat es erlebt. Liebesleid, Scheidung, Neuanfang. Schon eine Weile her, aber hat sich abgelegt im Innenleben.

Altmodisches, integres Vokaljazz-Album

Was macht man also als US-Künstler inmitten einer großen Krise wie dieser und inmitten eines moralischen Vakuums in der großen nationalen Politik? Man kümmert sich um alte Tugenden in diesem Fall– ganz "gentleman-like". Ehrlichkeit, Höflichkeit, Empathie. Curtis Stigers singt über diese Dinge im – gar nicht mal so ironischen – Titelsong des Albums. Ein Jazzsänger als Herr alter Schule.

Curtis Stigers hat ein etwas altmodisches und gleichzeitig integres Vokaljazz-Album gemacht. Neben dem Sänger selbst ist es der Pianist Larry Goldings, der den Ton bestimmt, auch als Produzent. Goldings ist ein Mann des modernen Jazz, doch er hat Jahre in der Band von Songwriter James Taylor verbracht. Dort lernt man, sparsam und songdienlich zu spielen. Auch wenn es mal um Persönliches geht. Zum Beispiel, wenn die Tochter ins eigene Leben zieht wie im Song "Learning To Let You Go".

Der Blick nach innen

Der Blick nach innen ist nicht die einzige Perspektive dieses Albums, das fast ganz ohne altes Standardrepertoire auskommt. Stigers möchte keine swingende gute Laune verbreiten oder sich als Salonlöwe für schummrige Stunden profilieren. Er lebt trotz bei aller nostalgischen Anmutung im Hier und Jetzt. Doch das ist nicht so einfach derzeit. denn ein liberaler Amerikaner wie er muss leiden.

Der Songtext "Here We Go Again" spricht über unseren Zorn und unser unerschütterliches Engagement, dem Hässlichen, Rassistischen und Fremdenfeindlichen entgegenzutreten, so wie es der Weg unseres Landes jetzt scheint.

Curtis Stigers

Musik, die vom Alltag ablenkt

Man hört dieses Album letztlich mit viel Sympathie, aber nicht mit völliger Begeisterung. Es plätschert ein wenig, bringt dennoch guten Stoff für „late night listening“, am besten mit Kaltgetränk. Als Epilog auf der Digitalversion von "Gentleman" dann noch der Song "Shut-Ins". Über zwei, die sich zurückziehen ins Häusliche, weil sie sich dort am wohlsten fühlen. Könnte trösten in dieser Zeit. Curtis Stigers ist jedenfalls dankbar, neue Musik zu haben, auf die er stolz ist und die ihn ablenkt.

Ich bin dankbar etwas zu haben, was meinen Kopf, mein Herz und meine Seele jetzt beschäftigt. (Curtis Stigers)


Curtis Stigers

Curtis Stigers: Gentleman [3:39 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 08. Mai 2020, 11:40 Uhr

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