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Erneuerbare Energien

Windräder und das Recycling-Problem

Viele Windräder in Deutschland sind mit einem Gesetz finanziert worden, das 20 Jahre alt ist – das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz. Diese Förderung läuft jetzt bei den ersten dieser Windräder aus. Das bedeutet, dass in den kommenden Jahren einige Windräder wieder abgebaut werden müssen. Was passiert mit ihnen, wenn sie ausgedient haben?

Abgerissene Windkraftanlage, dahinter noch eine Anlage in Betrieb (Archivbild) [Quelle: Imago, BildFunkMV]
Aber wenn Windräder schrottreif sind, werden sie zum Problem. [Quelle: Imago, BildFunkMV]

Ein Kommentar von Lisa-Maria Röhling:
Nicht zu Ende gedacht: Recycling von Windkraftanalgen

Windräder gehören zum Landschaftsbild in Norddeutschland. Knapp 30.000 von ihnen rotieren in den verschiedenen Windparks. Aber wenn sie schrottreif sind, werden sie zum Problem. Besonders in den Rotorblättern sind meist unzählige Materialien verarbeitet, die schwer zu zerlegen und noch schwieriger zu recyceln sind. "Bei den Rotorblättern ist es etwas komplexer. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Rotorblätter von außen zwar sichtbar nur aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestehen, auf der Innenansicht aber wesentlich komplexer sind", sagt Frank Kroll, der Geschäftsführer der Firma Neocomp, einer Tochter des Abfallentsorgers Nehlsen. Das Unternehmen hat sich auf die Verarbeitung dieser Glasfaserverbundstoffe spezialisiert. Gesetzliche Vorgaben, wie Windkraftanlagen verschrottet werden, gibt es nicht. Deshalb muss Neocomp bei jedem ausgedienten Windrad ein neues Konzept entwerfen.

Am Ende des Tages ist jede dieser Anlagen ein kleines Unternehmen, das dafür da ist, Energie und elektrischen Strom zu erzeugen und das aus einer regenerativen Quelle, nämlich dem Wind.

Frank Kroll

Jedes fünfte Windrad schrottreif?

Bei vielen dieser "Unternehmen" läuft in wenigen Monaten die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ab, und sie müssen überprüft werden. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes könnte ein Fünftel aller Windräder schrottreif sein. Da kommt das Team von Neocomp ins Spiel. Aktuell werden dort jedes Jahr 30.000 Tonnen Glasfaserverbundstoffe verarbeitet, ein Viertel davon machen Rotorblättern alter Windräder aus. Anstatt den Stoff zu verschrotten, wird er in Bremen in mehreren Schritten zu Zementklinker verarbeitet. Damit werden große Teile des eigentlichen Abfalls wieder verwertet, sagt Frank Kroll:

Wir haben den Kreislauf meines Erachtens zu 75 Prozent geschlossen. Die letzten 25 Prozent würde bedeuten, dass wir ein Verfahren implementiert hätten, dass uns in die Lage versetzt hätte, die Glasfaser wieder zu verwenden.

Frank Kroll

Carbonfasern erschweren Abbau

Noch schwieriger wird es bei Windrädern, in deren Rotoren carbonfaserverstärkter Kunststoff, kurz CFK, verbaut wurde. Der muss als Sondermüll entsorgt werden, weil diese Kohlefaser nahezu untrennbar mit einem Kunststoff verschmolzen ist.

Die Firma CFK Valley Stade hat einen Prozess entwickelt, mit dem diese Materialien voneinander gelöst werden können. Das können sie nach eigenen Angaben europaweit als Einzige. Einfach ist das allerdings nicht, sagt Firmenchef Tim Rademacker: "Schwer ist es deshalb, weil in der Regel eine Carbonfaser in ihrer CFK-Struktur von einer duroplastischen Epoxidharzmatrix umgeben ist, und das ist ein Material, was nach dem Aushärtungsprozess bei der Herstellung sich nicht mehr schmelzen oder auflösen lässt."

Carbonfasern sind besonders leicht und werden deshalb oft in der Autoindustrie verwendet. Teile aus Rotorblättern machen inzwischen 30 Prozent der Abfallstoffe aus, die in Stade recycled werden. Statt Sondermüll entsteht ein neues Leichtbaumaterial.

Wenn dann am Ende dieses Prozesses das Material wieder rauskommt, dann liegt die reine, saubere Carbonfaser frei. Sie ist dann frei von jeglichen Anhaftungen und dann geht es in die weitere Aufbereitung.

Tim Rademacker

Wiederverwenden statt wegwerfen

Tim Rademacker geht davon aus, dass europaweit bis zu 10.000 Tonnen CFK-Schrott im Umlauf ist, der in Stade recycled werden könnte. Noch ist die Anlage für diese Mengen nicht groß genug, deshalb soll bald ausgebaut werden. Und Tim Rademacker will, dass man nicht nur über das Recycling an sich nachdenkt:

Wir haben mit unserer Anlage die Möglichkeit, sämtliche Strukturen aufzubereiten, die reine Carbonfaser zurückzugewinnen. Wir brauchen einen politischen Rahmen, dass man über den Wiedereinsatz von Sekundärrohstoffen nachdenkt und nicht nur über die Recyclingmöglichkeit solcher Abfallströme.

Tim Rademacker

Wiederverwenden statt wegschmeißen, das wünscht sich Tim Rademacker. Er sagt: Die gleiche Menge an Kohlenfasern, die in die Anlage gehen, kommen am Ende wieder raus und könnten erneut verwendet werden. Ob aber die Abfälle für den Bau neuer Windräder verwendet werden, entscheiden nicht die Entsorger. Dafür sind die Windparkbetreiber verantwortlich.

Der Beitrag von Lisa-Maria Röhling:
Windräder und das Recycling-Problem [3:54 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 31. Juli 2020, 07:10 Uhr.

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