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Massentourismus

Ist Venedig noch zu retten?

Künstler*innen gegen Touristenflut

21. August 2019

33 Millionen Touristen haben Venedig 2018 besucht – die Einwohnerzahl dagegen ist mittlerweile auf knapp 53.0000 gesunken. Während Touristenströme, Nippes-Läden und Hochwasser die Stadt immer mehr überfluten, versuchen die verbliebenen Venezianer*innen ihren Alltag zu leben. Vor allem in der Kultur-Szene regt sich Widerstand. Mit Projekten und Performances versuchen Künstler, auf die Problematik aufmerksam zu machen und ein neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Bremen-Zwei-Reporterin Christine Gorny war in der Stadt unterwegs.

Venedig [Quelle: Todd Ford, Todd Ford]
Performance auf dem Fischmarkt mit dem freien Tanzensemble Berlin: Künstler kämpfen auf ihre Art gegen Massentourismus, Kreuzfahrtschiffe und den Ausverkauf der Stadt [Quelle: Todd Ford, Todd Ford]

Das Gespräch mit Christine Gorny:
Venedig: Künstler*innen gegen Touristenflut [9:33 Minuten]

Die deutsche Autorin Petra Reski, die mit einem Venezianer verheiratet ist, hat sich viel vorgenommen: Sie will im kommenden Jahr als Bürgermeisterkandidatin gegen den Amtsinhaber Luigi Brugnaro antreten, einem konservativen parteilosen Unternehmer und Politiker, der vom Festland stammt und nie in Venedig gewohnt hat. Als Bürgermeisterin würde Reski als allererstes dafür sorgen, dass die Venezianer wieder selbst über ihr politisches Schicksal entscheiden und nicht gemeinsam mit den Festland-Bewohnern des Veneto abstimmen, die nicht nur in der Überzahl sind, sondern auch ganz andere Interessen haben.

Immerhin hat Petra Reski einige der insgesamt 36 Bürgerinitiativen Venedigs hinter sich, die bislang meist jede ihr eigenes Süppchen kochen, obwohl sie dieselben Themen auf der Agenda haben: Massentourismus, Kreuzfahrtschiffe und den Ausverkauf der Stadt.

Venedig [Quelle: Todd Ford, Todd Ford]
Performance auf dem Fischmarkt mit dem freien Tanzensemble Berlin. [Quelle: Todd Ford, Todd Ford]

Bürgerinitiative kämpft für nachhaltigeren Tourismus

Die Bürgerinitiative "Comitato Cittadini Campo Rialto Nuovo" beispielsweise kämpft seit fünf Jahren für mehr Lebensqualität und nachhaltigeren Tourismus und will unter anderem ein Museum gründen, das Touristen mit der Historie des Ortes vertraut machen soll. Diese Bürgerinitiative organisiert auch kulturelle Events, wie kürzlich eine Performance auf dem Fischmarkt mit dem freien Tanzensemble Berlin – kostenlose und durchaus anspruchsvolle Kultur am Touristen-Hotspot.

Kulturelles Leben zwischen Kommerz und Konsum

Giovanna Fornasiero am Fenster [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]
Montagabends gehen die Fensterläden auf wie bei einem Kasperletheater. Von hier aus werden Vorträge gehalten, während das Publikum draußen steht, zuhört und auch mitdiskutiert. [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]

Umtriebig ist auch die private Initiative "Avamposto": eine Gruppe älterer Venezianer, die sich seit zehn Jahren von Frühjahr bis Herbst jeden Montagabend am Platz an der Rialtobrücke trifft für Buchbesprechungen oder Vorträge. Ein Fruchthändler stellt dafür sein ehemaliges Büro zur Verfügung, das er locker für 2.000 Euro im Monat an Barbetreiber vermieten könnte. Stattdessen überlässt er es seinen kulturellen Mitstreitern und so werden hier Montagabends die Fensterläden aufgeklappt und wie aus einem Kasperletheater heraus Vorträge gehalten, während das Publikum draußen steht, zuhört und auch mitdiskutiert.

Mit Polit-Satire gegen Massentourismus

Das Teatro "H2O non potabile", ein Projekt von Studierenden der Universität Ca Foscari, hat sich mit seinem Programm "Frollatorio" auf Polit-Satire spezialisiert hat – dabei führt in Venedig eben kein Weg am Thema Massentourismus vorbei. Insofern sind diese Aufführungen immer auch kreativer Protest. Wobei sich einer der zehn Künstler, der Jazzpianist Alberto Bettin, wenig Illusionen um die Wirkung macht: "Am Ende gibt es wenige künstlerische Initiativen, die heutzutage tatsächlich soziale Zusammenhänge verändern können." Aufgeben werden die Venezianer aber nie. Ihre Stadt wurde schließlich aus der Not geboren, als ihre Vorfahren auf dem Festland bedroht wurden und Schutz in der Lagune suchten. Von Anfang an war Venedig vom Untergang bedroht. Deshalb kommentiert Alberto Bettin die aktuelle Entwicklung mit der venezianischen Variante des Fatalismus: seine Stadt habe noch ganz andere Katastrophen überlebt – wie die Pest.  

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. August 2019, 15:10 Uhr

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