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Corona und Tourismus

Venedig erwacht langsam

24. Juli 2020

Die Coronakrise hat die Welt in eine Art Schwebezustand versetzt. Niemand weiß, wie lange der noch andauern wird. Erst recht nicht, was danach sein wird. Kann eine neue Normalität alte Fehler vermeiden? Venedig ist ein Ort, der globale Probleme wie durch ein Brennglas fokussiert. Zum Beispiel belastete ein exzessiver Massentourismus die Stadt. Dann kam Corona. Nach dem Lockdown wird der Tourismus nun langsam wieder hochgefahren und theoretisch besteht die Chance, sich dabei neu aufzustellen. Christine Gorny hat eine intensive Verbindung zur Stadt und war vor Ort dort.

Freiluftkonzert auf dem Fischmarkt Rialto [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]
Freiluftkonzert auf dem Fischmarkt Rialto [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]

Venedig - Eindrücke [5:16 Minuten]

Langsam kehren die Touristen zurück

Die Venezianer selbst prägen wieder das Stadtbild, keine Gruppen von Tages- oder Kreuzfahrtschifftouristen verstopfen die Gassen. Hotspots wie Markusplatz, Seufzerbrücke oder Rialtobrücke sind auch tagsüber angenehm zugänglich, so wie sonst nur abends in der Nebensaison. Während des totalen Lockdowns blieb die Stadt gänzlich unberührt.

Situation der Kunstszene

Silvia Ragazzo, venezianische Opernsängerin, schaut aus dem Fenster [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]
Silvia Ragazzo, venezianische Opernsängerin, schaut aus dem Fenster [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny]

Jetzt erwacht die Kunstszene langsam. Im Theater "Fenice" gibt es wieder einige wenige Konzerte, wobei das Orchester im Zuschauerraum verteilt ist, aus dem die Stühle entfernt wurden, während das Publikum in limitierter Zahl auf der Bühne sitzt. Viele kleine Theater haben allerdings nicht die Mittel, um zu öffnen und gleichzeitig die Sicherheitsregeln einzuhalten. Für die Künstlerinnen und Künstler ist die Lage alles andere als kommod. Viele sind seit Monaten ohne Arbeit, wie die venezianische Opernsängerin und Mezzo-Sopranistin Silvia Ragazzo, die in ihrer Stadt festsitzt, während sie normalerweise durch Europa tourt. Immerhin versucht sie nun, die Krise als Chance zu nutzen und ist gerade dabei, gemeinsam mit sechs Kolleg*innen aus ganz Italien ein kleines Opernsänger-Ensemble ins Leben zu rufen. Und gleich einen Interessensverband dazu:

Wir haben beschlossen einen Verband zu gründen, um moderne Produktionen zu entwickeln für zeitgenössische Oper und um klassisches Repertoire neu zu interpretieren. Das fehlt in Italien nämlich noch – im Unterschied zu Deutschland. Wie übrigens auch kleinere Opernsängerensemble fehlen. Insofern reden wir sogar von einer zweigleisigen Neuheit.

Silvia Ragazzo

Krise als Chance?

Viele Menschen in Venedig leben vom Tourismus, im vergangenen Jahr kamen mehr als 30 Millionen Touristen. Jetzt sind gerade mal zehn Prozent der Hotels ausgelastet. Laut einer neuen Studie gilt Venedig als eine der am meisten durch Corona geschädigten Städte Italiens. Der Rektor der Architekturfakultät hat nun vorgeschlagen, Ferien-Apartments zunächst für ein Jahr an Studierende zu vermieten, die wegen der hohen Mietpreise in Venedig derzeit fast alle auf dem Festland wohnen. Das würde nicht nur die Einwohnerzahl Venedigs auf einen Schlag gewaltig erhöhen, sondern die Stadt auch verjüngen, in der Hoffnung, dass mehr Studierende nach ihrem Uni-Abschluss in Venedig blieben.

Nachhaltiger Tourimus

Allerdings setzt Luigi Brugnaros, der parteilose konservative Bürgermeister Venedigs, bislang voll auf die touristische Monokultur. Jobs und Gewinne wurden bisher nicht an Qualitätstourismus und nachhaltiger Stadtentwicklung ausgerichtet. Andererseits zerstört der ungebremste Wachstumskurs die Stadt. Insgesamt sind die Venezianer*innen existenziell tief erschüttert und verzweifelter als die Menschen in Deutschland.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. Juli 2020, 07:20 Uhr

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