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Buchkritik

Feindliche Übernahme – der neue Sarrazin

30. August 2018

"Deutschland schafft sich ab": Das behauptete Thilo Sarrazin, der frühere Finanzsenator von Berlin, 2010 in seinem Buch. Besonders angreifbar machte er sich damals, weil er einen Zusammenhang unterstellte zwischen Intelligenz und ethnischer Gruppenzugehörigkeit. In der Mitte seiner Zielscheibe: die muslimischen Zuwanderer. Auf den Tag acht Jahre nach seinem Skandal-Bestseller erscheint ein neues Buch: "Feindliche Übernahme". Martin Busch hat es gelesen.

Buchcover: Feindliche Übernahme [Quelle: FinanzBuch Verlag]
Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht. FinanzBuch Verlag, 2018 [Quelle: FinanzBuch Verlag]

Wie argumentiert Sarrazin?

Martin Busch: 2010 hat Sarrazin den Fehler gemacht, genetisch zu argumentieren. Jetzt ist die Bezugsgröße die Kultur. Der Mann ist nicht fremdenfeindlich, sondern islamfeindlich, und das wird sich in diesem Leben wohl auch nicht mehr ändern. Der Islam hat sich in 1.400 Jahren nicht verändert – das versucht der promovierte Volkswirt auf über 400 Seiten zu erklären. Sarrazin sagt: "Ich mag die menschliche Vielfalt. Es liegt mir fern, mich in religiöse Überzeugungen oder Lebensweisen anderer einmischen zu wollen. Und doch fühle ich mich wohler in einer Gesellschaft, in der die Unterschiede nicht übermäßig sind und die gemeinsamen Grundlagen fühlbar bleiben."

Sarrazins langjähriger Verlag Random House wollte das Buch nicht veröffentlichen. Warum?

Martin Busch: Die Münchner haben mit ihrem Erfolgs-Autor zehn Jahre zusammengearbeitet. Nach "Deutschland schafft sich ab" gab es ja noch drei weitere Bücher, auch eins über Sinn und Unsinn des Euro. Sie loben auch online weiterhin seinen Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Aber die Pauschalkritik an einer Weltreligion war dann wohl doch zu viel des Mutes. Immerhin steht hinter Random House Bertelsmann und deren Stiftung hat schon Studien veröffentlicht, die bezüglich der Integration der Muslime zu ganz anderen Ergebnissen kommen.

Warum passen Demokratie und Islam für Sarrazin nicht zusammen?

Martin Busch: Sarrazin hat den Koran komplett gelesen, sagt er. Und in den Suren und den Hadithen – das sind die Aufzeichnungen des Propheten Mohammed und die über ihn – komme immer wieder zum Ausdruck, wie sehr die Ungläubigen in der Hölle schmoren werden und dass man sie mittels des Dschihad bekämpfen müsse. Außerdem ist die Macht des Mannes über die Frau zentraler Bestandteil. Seine sexuelle Unsicherheit soll kompensiert werden durch ihre Gefügigkeit. Was ich sehr aufschlussreich fand, war die Schilderung der muslimisch geprägten Regionen und Staaten auf unserem Planeten. Und da wird Demokratie eben nirgendwo groß geschrieben, die Scharia dafür umso größer.

"Deutschland schafft sich ab": Das behauptete Thilo Sarrazin, der frühere Finanzsenator von Berlin, 2010 in seinem Buch. Besonders angreifbar machte er sich damals, weil er einen Zusammenhang unterstellte zwischen Intelligenz und ethnischer Gruppenzugehörigkeit. In der Mitte seiner Zielscheibe: die muslimischen Zuwanderer. Auf den Tag acht Jahre nach seinem Skandal-Bestseller erscheint ein neues Buch: "Feindliche Übernahme". Martin Busch hat es gelesen.

Autor/-in: Tom Grote
Länge: 4:54 Minuten
Datum: Donnerstag, 30. August 2018
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

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Feindliche Übernahme – der neue Sarrazin Porträt Thilo Sarrazin

Was ist nun mit der feindlichen Übernahme?

Martin Busch: Da sind wir wieder bei "Deutschland schafft sich ab". Wenn es keinen Kurswechsel gibt, so Sarrazin, werden Muslime in zwei, drei Generationen die Bevölkerungsmehrheit stellen. Auch in diesem Buch wartet er wieder mit vielen Untersuchungen auf – Quelle ist aber oft das Statistische Bundesamt, das wird ihm schwer als unseriös anzulasten sein. Fakt ist: Wegen der aus unserer Sicht überkommenen Rolle der Frau bekommen muslimische Paare mehr Kinder als deutschstämmige. Das wäre kein Problem, wenn der "Mainstream-Islam", wie Sarrazin das nennt, sich nicht so stark am ursprünglichen orientieren würde, der mit freiheitlich-demokratischen Werten nichts am Hut hat.und zur Folge hat, dass die Mehrheit unter ihresgleichen bleibt, sozial und wohnsitzmäßig.

Sarrazin hat nichts gegen qualifizierte Zuwanderung – er spricht mehrfach positiv über Polen und Asiaten. Aber mit den Moslems hat er ein Problem. Und von denen sind seit 2015 eben sehr viele neu dazugekommen. "Mit der unbedachten Masseneinwanderung seit 2015 haben wir uns ein noch viel größeres Problem eingehandelt." Sarrazin meint damit ein viel größeres Integrationsproblem als mit denen, die teilweise seit über 50 Jahren in Deutschland leben.

Fazit

Martin Busch: Ich denke, dass er Staatsbürgerkunde als Unterrichtsfach verlangt, ist eine gute Idee. Der großen Mehrheit der Moslems und auch den in Deutschland wirkenden Verbänden zu unterstellen, sie steckten noch immer in diesem mittelalterlichen Korsett? Ich weiß es nicht! In punkto Familienzusammenhalt könnten sich die Nicht-Muslime vielleicht auch mal wieder eine Scheibe bei den Muslimen abschneiden. Und "Feindliche Übernahme": Mit dem Titel bedient er natürlich auch die Rechten unter den AfD-Anhängern.

Porträt Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch vor. Es trägt den Titel: "Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht." Der frühere Senator und Bundesbank-Vorstand wird in der SPD seit längerer Zeit als islamfeindlich kritisiert. Bisher haben Sozialdemokraten zweimal erfolglos versucht, Sarrazin aus der Partei auszuschließen, zuletzt 2011. Nun will die SPD nach der heutigen Buchvorstellung, erneut über ein Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin entscheiden.

Autor/-in: Isabell Reifenrath
Länge: 3:10 Minuten
Datum: Donnerstag, 30. August 2018
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

Thilo Sarrazin stellt sein neues Buch vor. Es trägt den Titel: "Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht." Der frühere Senator und Bundesbank-Vorstand wird in der SPD seit längerer Zeit als islamfeindlich kritisiert. Bisher haben Sozialdemokraten zweimal erfolglos versucht, Sarrazin aus der Partei auszuschließen, zuletzt 2011. Nun will die SPD nach der heutigen Buchvorstellung, erneut über ein Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin entscheiden.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. August 2018, 7:35 und 8:10.

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