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Woche der seelischen Gesundheit

Zurück im Leben

Porträt einer an Depressionen Erkrankten

17. Oktober 2018

Depression: eine seelische Krankheit, die oft auftritt und selten diagnostiziert wird. Für die Betroffenen ist diese Erkrankung die Hölle – und sie endet nicht selten in Verzweiflung, Lebensmüdigkeit und Selbsttötung. Aber es gibt Menschen, die einen Weg aus dieser Abwärtsspirale gefunden haben.

Eine Frau geht durch einen Wald spazieren (Symbolbild) [Quelle: Imago, MiS]

Beitrag von Gerhard Snitjer:
Porträt einer an Depressionen Erkrankten [3:28 Minuten]

Sarah ist 36 Jahre alt, und wer sie heute sieht, wird kaum glauben, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. Hellwach, sonnengebräunt, eifrig, offen und geradezu fröhlich kann sie heute dies erzählen:

Ich habe 2011, 2012 sehr starke Suizidgedanken gehabt, auch Pläne geschmiedet, tatsächlich es zu tun. Ich hatte Freunde verloren, hatte meinen Job verloren, meine Beziehung verloren, meine Wohnung verloren, und ich wusste mir keinen anderen Ausweg mehr.

Es begann mit einer Art "schlechter Laune". Aber dieser Trübsinn wurde zum Dauerzustand. Es gab keinen aktuellen Anlass.

Nur weil man schlecht drauf ist, denkt man ja nicht, dass man krank ist, sondern denkt erstmal an alles andere: Was stimmt denn in meinem Leben gerade nicht, ist es der Job sind es die Freunde, ist es die Beziehung, die Ehe? Da muss man ja erstmal drauf kommen, dass es was Psychisches sein kann.

"Lass dich nicht hängen, das wird schon wieder": Das ist die erste Reaktion aller Mitmenschen, auch für Sarah. Das bringe jedoch nichts sagt sie, es setze den Depressiven nur unter Druck.

Diagnose Depression

Ein aufmerksamer Arzt riet ihr, zu einem Facharzt zu gehen. Und Sarahs Mutter, die die akute Lebensgefahr erkannte, sprach ein ernstes Wort mit ihr. So ließ Sarah sich schließlich untersuchen und erfuhr nach körperlichen und psychologischen Tests sozusagen ganz offiziell, dass sie eben nicht nur schlecht drauf war, sondern tatsächlich unter einer Depression litt. Ein wichtiger Schritt, sagt sie heute, aber damit sei ihr Problem längst noch nicht gelöst gewesen.

Da ist keiner, der einen an die Hand nimmt und sagt 'Da ist dein Psychologe, da sind deine Medikamente, jetzt machst du dies, jetzt machst du das.' Das ist leider nicht so.

Eine klinisch diagnostizierte Depression ist ein Fall für einen Profi. Eine Liste der örtlichen Psychologen half Sarah allerdings nicht weiter. Suizid kann eine Frage von Tagen oder Stunden sein.

Man bekommt dann die Information des jeweiligen Psychologen: "Die Listen sind voll, Sie sind auf Platz 68 oder erst in zwei Jahren.

Auch die Angehörigen brauchen Hilfe

Natürlich könne man gegen eine Depression Medikamente einsetzen, sagt Sarah. Damit blieben Menschen bestenfalls irgendwie funktional. Aber das sei keine Lösung. Das Wichtigste sei entweder ein stationärer Aufenthalt oder eine Therapie. "Alles andere bringt nichts, gar nichts."

Letztlich fand sie eine Therapeutin, die sie allerdings selbst bezahlen musste; sie hatte Zeit für Sarah, eben weil sie nicht auf der Liste der Kassen-Therapeuten stand. Die Therapie war ihre Rettung. Sarah sagt heute von sich, dass sie durch die Therapie bestimmte Auslöser ihrer Depression erkannt hat und ihnen in ihrem Alltag begegnen kann. Es gehe da um Erfahrungen aus ihrer Kindheit, um Selbstwertgefühl und Schuldgefühle. Seit rund drei Jahren fühlt Sarah sich wieder obenauf, kann wieder arbeiten, hat einen Partner, der ihre Geschichte kennt, und ein neues Zuhause. Und sie möchte ihre eigene Erfahrung mit der Depression weitergeben, als freiberufliche Beraterin. Ihr dringlichstes Anliegen: Die Angehörigen von Depressiven brauchen Hilfe.

Der Angehörige soll sich Hilfe suchen, soll sich beraten lassen, soll sich damit auseinandersetzen. Denn jedes Wort, jede Handlung des Angehörigen, das ist Gold wert.

Und da gehe es eben nicht um Beschwichtigung oder "Kopf hoch, es wird schon wieder", sondern um tätige Unterstützung durch Angehörige und Freunde bei der Suche nach professioneller Hilfe. Sarah will die Unterstützung gerne auch selbst leisten und daraus ihren Beruf machen. Ihrem Leben ein Ende zu setzen –  der Gedanke käme ihr nicht mehr, sagt sie.

Dafür ist das Leben viel zu schön.

Volkskrankheit Depression

In Deutschland findet die Aktionswoche Seelische Gesundheit statt. Ziel ist es, das Thema seelische Gesundheit in den Fokus zu rücken und ein Zeichen gegen Vorurteile zu setzen. Denn noch immer werden seelische Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Depression, als Stigma gesehen. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der diagnostizierten Depressionen, in Deutschland erkranken daran zirka 5,3 Millionen Menschen pro Jahr. Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, mit ihm sprach Moderatorin Anja Goerz über die Volkskankheit Depression.

Länge: 5:38 Minuten
Datum: Mittwoch, 17. Oktober 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

In Deutschland findet die Aktionswoche "Seelische Gesundheit" statt. Ziel ist es, das Thema seelische Gesundheit in den Fokus zu rücken und ein Zeichen gegen Vorurteile zu setzen. Denn noch immer werden seelische Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Depression, als Stigma gesehen. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der diagnostizierten Depressionen, in Deutschland erkranken daran zirka 5,3 Millionen Menschen pro Jahr. Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, er informiert über die Volkskrankheit Depression.

Hilfe bei Depressionen

Die Deutsche Depressionshilfe hat Adressen und Ansprechpartner zusammengestellt.
Info Telefon: 0800 3344533

Deutsche Depressionshilfe

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. Oktober 2018, 7:10 Uhr.

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