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Bremen Zwei Themen

Schwerpunkt: Wohnen in Bremen

Wem gehört die Stadt?

21. März 2019

Bezahlbarer Wohnraum ist in Bremen knapp. Doch der Stadt sind oft die Hände gebunden. In der Vergangenheit hat sie sich sehr auf private Investoren verlassen. Für große Unternehmen ist die Spekulation mit Bauland ein lukratives Geschäft. Das treibt die Mietpreise in die Höhe. Wie funktioniert das System? Welche Politik verfolgt die Stadt Bremen? Welche Forderungen hat das Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen"? In unserem Schwerpunkt kommen Mieter, Stadtplaner und Aktivisten zu Wort. Außerdem war Bremens Bausenator Joachim Lohse (Bündnis 90/Die Grünen) zu diesem Thema live zu Gast im Studio.

Luftbild Bremens [Quelle: Senatspressestelle]
Preisgünstiger Wohnraum ist in Bremen Mangelware. [Quelle: Senatspressestelle]

Im Vergleich zu anderen Großstädten wie Frankfurt oder Stuttgart steht der Wohnungsmarkt in Bremen zwar besser da – trotzdem sind seit 2012 die durchschnittlichen Angebotsmieten um 23 Prozent gestiegen. So steht es im Monitoringbericht des Bremer Bauressorts von 2018. Und Sozialwohnungen sind knapp. Vor zwölf Jahren gab es noch etwa 11.500 in der Stadt. Heute sind es nur noch etwa 7.000.

Bausenator Joachim Lohse im Interview

Egal, in welche Großstadt man guckt: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp und die Preise für Eigentumswohnungen steigen immer mehr. Auch in Bremen gibt es diese Tendenz. Doch der Stadt sind oft die Hände gebunden. In der Vergangenheit hat sie sich zu sehr auf private Investoren verlassen. Das treibt Mietpreise in die Höhe. Auch Sozialwohnungen sind knapp. Und was macht die Politik in Bremen dagegen? Wir haben mit Joachim Lohse darüber gesprochen. Er ist Senator für Umwelt, Bau und Verkehr.

Autor/-in: Stefanie Pesch
Länge: 4:53 Minuten
Datum: Freitag, 22. März 2019
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

Hat Bremen das Thema "Bezahlbarer Wohnraum" verschlafen? Darüber haben wir mit Bausenator Joachim Lohse gesprochen. Die finanziellen Bindungen vieler geförderter Wohnungen, die nach dem Krieg gebaut wurden, seien in den 80er-Jahren ausgelaufen, erklärte Lohse. Das Problem in der darauffolgenden Zeit: 30 Jahre lang wurden keine Sozialwohnungen mehr gebaut, bis Bremen vor sieben Jahren als eines der ersten Bundesländer wieder angefangen habe, geförderten Wohnraum zu schaffen. Signale, dass sich die Lage am Wohnungsmarkt durch steigende Immobilienpreise verschärfen würde, gab es seiner Einschätzung nach erst seit 2010/2011, seit Beginn der Niedrigzinsphase. Bremen habe daraufhin auch mit Baumaßnahmen reagiert, was seiner Einschätzung nach allerdings nicht mitgehalten habe, war die Bautätigkeit.

Die Immobiliengesellschaften haben teilweise Schwierigkeiten, Baufirmen zu finden und die Baufirmen haben inzwischen die Preise für Neubauten verdoppelt.

Bausenator Joachim Lohse

Auch in Bremen gibt es Stadtteile wie Viertel, Neustadt oder Peterswerder, in denen es kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt. Diese Entwicklung lässt sich nach Lohses Einschätzung kaum noch umkehren, da schlicht und ergreifend kein Platz da ist: "Die Leute wollen keine Verdichtung, sie wollen Parks und Freiflächen behalten."

Verkauf kommunaler Wohnungen

Ein kurzer Rückblick: Vor allem in den 1990er und 2000er Jahren wurde viel kommunaler Besitz verkauft, im Falle der Bremischen und der Beamtenbaugesellschaft etwa 11.000 Wohnungen.

  • 1997: Verkauf der Bremischen und der Beamtenbaugesellschaft an den Bremerhavener Milliardär und Investor Karl Ehlerding.
  • 2004: Weiterverkauf an den US-Fonds Blackstone.
  • 2007: Übergabe an ein milliardenschweres Konsortium des britischen Versicherers Aviva. Kaufpreis: 1,6 Milliarden Euro. 200 Millionen Euro mehr als Blackstone damals bezahlt hat.
  • 2014: Übernahme der Wohnungen durch die deutsche Annington; heute heißt die Firma Vonovia. 

ein Schild "Vonovia" vor neugebauten Häusern [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]
Die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia baut neue Mietwohnungen in Bremen. [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]

Wohnungen als Handelsware

Wirtschaftwissenschaftler Rudolf Hickel, ehemals Mitglied im Aufsichtsrat der Wohnungsgesellschaft Gewoba, sieht den Rückzug der Stadt aus dem Wohnungsbau als schweren Fehler:

Die Privatisierung hat eher mehr Probleme geschaffen, weil diejenigen, die die kommunalen Wohnungsbestände gekauft haben, am Ende nur schnelle, hohe Profite machen wollen.

Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler

Wohnungen wurden zur internationalen Handelsware – auch vor dem Hintergrund, dass das Land Bremen selbst oft in der Schuldenfalle feststeckte. Das Ergebnis: steigende Mieten, besonders in zentralen Lagen.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch voller Pläne. [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]
Stadtentwickler Thomas Lecke-Lopatta [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]

Das Problem ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Das sagt auch die Bremer Baubehörde selbst, wie man im aktuellen Monitoringbericht des Senats lesen kann. Dort arbeitet Thomas Lecke-Lopatta. Der Stadtentwickler sagt, zumindest stünde Bremen im Vergleich mit anderen Großstädten besser da:

Das Phänomen, was in anderen Städten jetzt massenweise auftritt, dass bis zu 50 Prozent dessen, was dort an Geld in die Investitionstätigkeit fürs Bauen fließt, ausländisches Kapital ist, (...) das haben wir in Bremen einfach nicht.

Thomas Lecke-Lopatta, Stadtentwickler

Zu wenig preisgünstiger Wohnraum

Ein Mann mit Regenschirm steht vor einer Baustelle. [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]
Adem Hacikerimoglu. Seine Familie musste den Abrissbaggern weichen. [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]

Seit einiger Zeit versucht die Landesregierung, die Fehler der Vergangenheit auszubügeln, sagt Lecke-Lopatta. In den letzten Jahren hat die Stadt Geld in den sozialen Wohnungsbau gesteckt und vor Kurzem auch die Wohnungsbaugesellschaft Brebau komplett übernommen. Knapp 50.000 Mietwohnungen sind aktuell in kommunalen Besitz – von insgesamt 170.000. Und dennoch: Dass sich die Probleme unabhängig von Privatinvestoren lösen lassen, erscheint aufgrund der klammen Finanzlage des Landes auch heute noch unrealistisch.

Wie sich die Übernahme von Wohnungen durch Wohnungsbaugesellschaften wie Vonovia auf Mieter auswirken kann, lässt sich exemplarisch am einem Wohnquartier in Bremen-Walle zeigen: Wo ehemals Familien für wenig Miete in einfachen Wohnungen lebten, baut die Vonovia jetzt neue Häuser. Die Mieter mussten umziehen, in deutlich teurere Wohnungen.

Wohnen in Bremen: Wem gehört die Stadt? [4:38 Minuten]

Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen"

Joachim Barloschky [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]
Joachim Barloschky, Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen" [Quelle: Radio Bremen, Christina Fee Moebus]

Wem gehört die Stadt? "Die Stadt muss allen gehören!" würde das Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen" in Bremen antworten. Es hat für den 23. März 2019 zu einer Demonstration aufgerufen. Was fordern die Organisatoren, was kritisieren sie? Bremen-Zwei-Reporterin Christina Fee Moebus hat Joachim Barloschky, den Wortführer des Aktionsbündnisses, getroffen. Die Wohnungspolitik der vergangenen Jahrzehnte sei desolat, sagt er.

Die hatten die falsche Strategie und haben gesagt: 'Wir müssen nur bauen und Bauland zur Verfügung stellen. Und wenn irgendwelche Leute bauen, ist das Problem erledigt.' Das hat aber insgesamt nur zu mehr Mietpreissteigerungen geführt, weil man nicht den Schwerpunkt auf bezahlbares Wohnen gerichtet hat. Das ist das Problem und da muss die Politik auch umschwenken.

Joachim Barloschky

Für Barloschky und die Mitglieder des Aktionsbündnisses rennt der Bremer Senat der Entwicklung hinterher. Ihre Forderungen: zusätzliche kommunale Wohnungsprogramme, kein weiterer Verkauf von städtischem Bauland an private Investoren. Und Mitbestimmung, etwa in den Aufsichtsgremien der Gesellschaften und in Mieterräten.

Das Bremer Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen" [3:43 Minuten]

Alternative Wohnformen

Wohnen in leer stehenden Kirchen, auf dem Wasser oder in so genannten Tiny Houses? Auf butenunbinnen.de stellen wir Ihnen 5 alternative Wohnformen vor.

5 alternative Wohnformen: Auch Modelle für Bremen? (butenunbinnen.de)

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. März 2019, 7:35 Uhr.

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