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Schwerpunkt "Wahrheit auf der Flucht"

Türkische Wissenschaftler in Bremen

14. Mai 2020, 11:40 Uhr

Meinungsfreiheit, das sagen zu dürfen, was man denkt, oder als Wissenschaftler frei und kritisch zu forschen: Das sind Werte, die in Deutschland gesetzlich fest verankert sind. Doch in immer mehr Ländern ist genau das unerwünscht und wird teils brutal unterdrückt. Auch in der Türkei geraten Wissenschaftler*innen seit dem gescheiterten Putsch im Jahr 2016 gegen Präsident Erdogan unter Druck. Das einzige, was ihnen oft bleibt, ist die Flucht. Einige von ihnen leben inzwischen in Bremen.

Ein Mann, dessen Silhouette zu sehen ist, wird geheimnisvoll an die Wand projiziert (Symboldbild) [Quelle: Imago, Lilian Cazabet]
Freie Meinungsäußerung: in der Türkei nicht selbstverständlich. [Quelle: Imago, Lilian Cazabet]

Ein Beitrag von Cengiz Tarhan:
Türkische Wissenschaftler in Bremen [4:10 Minuten]

2016, Unruhen in der Türkei, ein Putschversuch gegen Präsident Erdogan scheiterte. Tausende Wissenschaftler wurden vom Dienst suspendiert oder sogar ins Gefängnis geworfen, weil sie als regierungskritisch galten. Die Angst vor Repressionen beeinflusst ihre Arbeit bis heute. Für einige war ein Stipendium für bedrohte Wissenschaftler*innen die Chance, das Land trotz Ausreiseverbot verlassen zu können.

Am Anfang steht ein Friedensappell

Eine von ihnen ist Betül Yarar, Professorin für Soziologie und Kulturwissenschaften. Sie sieht sich nicht als Opfer, sagt sie und möchte auch nicht so dargestellt werden. Yarars neue Heimat ist die Universität Bremen. Hier endet ihre Flucht aus der Türkei. Angefangen hat es 2016 mit einem Friedensapell, den sie zusammen mit über 1.000 anderen Wissenschaftlern unterschreibt. Darin wurde die türkische Regierung aufgefordert, das brutale Vorgehen gegen die kurdische Minderheit einzustellen und eine friedliche Lösung zu finden. Die Reaktion kam prompt und hart – angekündigt in Reden des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan:

Wir stehen hier einem Verrat der sogenannten Wissenschaftler gegenüber, die ihr Gehalt mehrheitlich vom Staat erhalten. Und, was ihre Lebensqualität anbetrifft, besser leben als der Durchschnittsbürger.

Recep Tayyip Erdogan

Todesdrohungen und Flucht

Für Erdogan sind die kritischen Wissenschaftler Verräter. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen viele wegen Terrorpropaganda. Eine in der Türkei durchaus gängige Methode, um unliebsame Stimmen mundtot zu machen. Es bleibt aber nicht bei Drohungen. An ihrer früheren Universität in Ankara geht eine ultra-nationalistische Gruppe gegen Betül Yarar vor, erzählt sie. Sie erhielt Todesdrohungen.

Sie markierten meine Türe mit einem roten Kreuz. Das bedeutet eine Todesdrohung. Ich war in Gefahr und ging deshalb nach Frankreich.

Betül Yarar

Stipendium in Bremen

Eine unabhängige Prüfung dieser Aussagen ist schwierig. Die Universität Bremen darf nichts sagen, Datenschutz. Im Internet finden sich jedoch Artikel, die sich mit dem decken, was Yarar berichtet. Die Forscherin entschließt sich, für einige Monate nach Frankreich zu gehen. In der Türkei scheitert ein Militärputsch gegen Erdogan. Der Ausnahmezustand wird verhängt, Yarar verliert ihre Stelle an der Uni. Ihr wird klar: In ihr Land kann sie nicht zurück. Sie ist auf der Suche nach einer neuen Stelle oder einem Stipendium. Hier kommt die Unterstützung aus Bremen ins Spiel. Hier war Professorin Yarar schon einmal, um bei einem Workshop der Uni teilzunehmen. Daher kennt sie Professorin Yasemin Karakasoglu. Yarar fragt Karakasoglu, ob sie sie bei einem Stipendium unterstützen kann, um damit nach Bremen kommen zu können. Die Bremer Professorin ist dabei. Auch im Interesse der Wissenschaftsfreiheit.

Wir können nicht ganze Systeme verändern. Aber wir können einzelnen Personen die Möglichkeit geben, unter für sie nicht mehr tragbaren Bedingungen, also, aus denen herauszukommen und wieder Bedingungen vorzufinden, in denen es ihnen möglich ist, ihre Arbeit fortzusetzen.

Yasemin Karakasoglu

Mensch zweiter Klasse

Das Geld für das Stipendium kommt von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bonn. Die Idee: Unis erhalten Geld, um politisch Verfolgte Wissenschaftler aufnehmen zu können. Ein ähnliches Stipendium war auch für Ahmet Murat Aytac ein Ticket in die Freiheit. Der Moment, in dem der Politikwissenschaftler den Friedensapell in der Türkei unterschrieben hat, war wie ein tiefer Schnitt durch sein bisheriges Leben. Alles veränderte sich: sein Ehe-Status, sein Lebensstandard, die Beziehung zu Freunden. Er durfte die Türkei nicht mehr verlassen, und nach dem Staatsstreich wurde er aus der Uni geworfen.

Aytac wurde als Terror-Unterstützer abgestempelt, fühlte sich als Mensch zweiter Klasse. Zum Beispiel, als ein Journalist in der Türkei den Vorschlag machte, den Unterzeichnern das Wahlrecht zu entziehen

Im Mittelalter nannte man das 'vogelfrei'. Du bist wie ein Vogel, der zwar frei fliegen darf, aber sonst keine Rechte hat.

Ahmet Murat Aytac

Uni Bremen nimmt zehn Wissenschaftler auf

Solche Geschichten sind keine Seltenheit. Das Hilfsnetzwerk "Scholars at Risk" registrierte 2019 rund 580 Fälle. Die meisten aus der Türkei. Aber auch in Syrien oder dem Yemen geraten Wissenschaftler unter Druck. Die Uni Bremen hat in den letzten Jahren zehn bedrohte Forscher wie Aytac aufgenommen. Der Politikwissenschaftler ist glücklich, jetzt in einem Land zu leben, das ihn als Menschen sieht und in dem er seine Meinung frei äußern kann.

Das bedeutet mir sehr viel: Respekt zu erleben und als Mensch behandelt zu werden.

Ahmet Murat Aytac

Stipendien für bedrohte Wissenschaftler

Ein Überblick über Programme für verfolgte Wissenschaftler*innen.

Autor/-in: Cengiz Tarhan
Länge: 3:45 Minuten
Datum: Donnerstag, 14. Mai 2020
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung unterstützt ausländische Wissenschaftler*innen, die unter Repressionen leiden, aus der Uni geworfen oder sogar verhaftet werden. Sie können ein Stipendium beantragen, und auch das Land Bremen hat ein eigenes Programm für die Forscher*innen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Mai 2020, 11:40 Uhr.

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