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Bremen Zwei Themen

Schwerpunkt: Lehren aus Corona

Wie steht es um das Bremer Gesundheitssystem?

16. Juni 2020

Von einem Ende der Corona-Krise sind wir noch weit entfernt, aber wir haben einigermaßen gelernt, mit der neuen Situation zu leben. Zeit für eine Zwischenbilanz. Corona hat die Probleme des Gesundheitssystems wie durch eine Lupe gezeigt – auch in Bremen. Und viele dieser Probleme wurden sogar noch verschärft. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden? Was muss sich ändern? Bremen Zwei-Reporterinnen Kirsten Rautenberg und Claudia Scholz sind diesen Fragen nachgegangen.

Pfleger und Pflegerin in Schutzkleidung am Bett einer Patientin mit Mundschutz. [Quelle: Gesundheit Nord gGmbH, Kerstin Hase]
Krankenpflege im Fokus: Wie unverzichtbar Pflegerinnen und Pfleger sind, wurde während der Corona-Pandemie besonders deutlich. [Quelle: Gesundheit Nord gGmbH, Kerstin Hase]

Arbeit im Krisenmodus

Wie sind Bremens Krankenhäuser bis heute durch diese Krise gekommen? Krankenschwestern, die anonym bleiben wollen, erzählen von fehlender Schutzkleidung, viel Improvisation und hoher Arbeitsbelastung.

Masken, die wir normalerweise nach einmal Tragen wegwerfen, mussten wir in eine Schale legen, damit sie dort trocknen und wir sie wiederverwenden können. Nicht nur, dass wir Masken mehrmals benutzt haben, sondern wir haben uns auch manchmal einfach große Müllbeutel übergezogen, weil es keine Kittel mehr gab.

Krankenschwestern, anonym

Mundnasenschutz-Masken liegen in Nierenschalen [Quelle: anonym]
Schutzmasken waren zeitweise knapp. Sie wurden getrocknet und wiederverwendet. [Quelle: anonym]

Um in Zukunft besser vorbereitet zu sein, müsse jetzt vorgesorgt werden, sagt Rolf Dembinski, Leiter der Intensivstation im Krankenhaus Bremen-Mitte: Es muss mehr Schutzkleidung bestellt werden, die dann eingelagert wird. Ein Zwischenschritt, bis Schutzkleidung, Geräte und Medikamente auch wieder in Europa und nicht vorrangig in global agierenden Firmen hergestellt werden. Dass für die Zukunft anders vorgesorgt werden muss, sieht auch Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard so:

Wir sind in einer Abhängigkeitsstruktur innerhalb dieser Globalisierung. Das war sehr greifbar diesmal. Das darf nicht wieder passieren. Wir müssen die Möglichkeit haben, dass die Produktionsmittel hierher kommen, dass hier – zumindest im europäischen Raum – auch die Herstellung stattfindet.

Claudia Bernhard, Bremer Gesundheitssenatorin

Beitrag von Kirsten Rautenberg:
Bremer Kliniken während der Corona-Zeit [3:38 Minuten]

Vorsorge für den Pandemie-Fall

Leeres Bett in einer Intensivstation [Quelle: DPA, Daniel Reinhardt]
Leere Intensivbetten bringen keine Einnahmen. [Quelle: DPA, Daniel Reinhardt]

Das Bremer Gesundheitssystem hat zu wenig Geld – und zu wenig Personal. Das Problem ist seit Jahren bekannt; die Corona-Pandemie hat es verschärft. Für Bremens Krankenhäuser hieß Corona: Intensivbetten aufbauen und diese Betten freihalten für Menschen, die sie dringend benötigen könnten. Doch viele dieser 90 Betten wurden nicht gebraucht – zum Glück. Gleichzeitig wurden viele nicht dringende Operationen verschoben, um Kapazitäten freizuhalten.

Leere Betten bringen keine Einnahmen, doch darauf sind die Kliniken angewiesen. Es ist ein Dilemma, in dem die Krankenhäuser stecken: Sie haben viel in die Vorsorge von Corona gesteckt – aber kein Geld eingenommen. So ist das Finanzloch zum Beispiel im städtischen Krankenhaus in Bremen um 30 Millionen auf 58 Millionen Euro gewachsen.

Senatorin Claudia Bernhard [Quelle: Radio Bremen]
Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard: "Eine leere Klinik kann sich das Land nicht leisten."

Die Lage wird im Senat und in den Krankenhäusern immer wieder diskutiert; Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard hatte zwischenzeitlich sogar über eine Corona-Klinik nachgedacht. Heute sagt sie: "Eine leere Klinik kann sich das Land nicht leisten." Nachgedacht wird über flexible Lösungen – Stationen, die bei Bedarf schnell aufzubauen sind, aber nicht viel Geld kosten, wenn sie nicht gebraucht werden.

Beitrag von Kirsten Rautenberg:
Pandemie-Vorsorge in Bremen [3:35 Minuten]

Pflegekräfte im Fokus

Plötzlich sind sie systemrelevant – die Frauen und Männer, die tagtäglich Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen pflegen. In Krankenhäusern, Pflegeheimen oder zuhause. Und weil sie es sind, brauchen sie mehr als Beifall vom Balkon. Sie brauchen mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung. Ein Beispiel aus der Altenpflege.

Von dem Applaus auf den Balkonen können sich Pflegekräfte kein Brot kaufen. Ohne Zulagen habe ich 11,75 Euro Brutto-Stundenlohn. Von unserem Gehalt kann man weder sterben noch leben.

Altenpflegerin aus Bremen, die anonym bleiben möchte

Die Hand einer Altenpflegerin hält einer alten Frau einen Löffel für eine Suppe. [Quelle: dpa, Nicolas Armer]
Pflege und Zuwendung brauchen Zeit. Und die fehlt den Pflegekräften häufig. [Quelle: dpa, Nicolas Armer]

Im Schnitt verdienen ausgebildete Fachkräfte in der Altenpflege laut Agentur für Arbeit knapp 2.900 Euro brutto, Helfer in der Altenpflege nur rund 2.000 Euro. Über 70 Prozent der Pflegekräfte in Bremer Heimen sind Frauen. Die Arbeit ist emotional und physisch anstrengend; wie groß der Stress oft ist, lässt sich an Zahlen ablesen, erklärt Verdi-Gewerkschafterin Kerstin Bringmann: Tagsüber muss sich eine Pflegefachkraft mit zwei Helfern um bis zu 30 Bewohner kümmern, nachts alleine sogar um bis zu 40 Bewohner. Unzumutbar für Pflegerinnen und Pfleger – und unzumutbar für die Menschen, die von ihnen versorgt werden.

Mehr Kolleginnen und Kollegen: Das fordert auch Reinhard Leopold von der Bremer Initiative "Heim-Mitwirkung". Finanzierbar sei das Ganze; davon ist auch Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Uni Bremen überzeugt.

Ich glaube nicht, dass unser Gesundheitssystem grundsätzlich unterfinanziert ist. Wir haben ja im Vergleich international ein relativ teures Gesundheitssystem. Aber dass es bestimmte Bereiche gibt, die wir verändern müssen, dazu gehört insbesondere der Pflegebereich, das dürfte jedem klar geworden sein.

Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler

Reportage von Claudia Scholz:
Pflegekräfte im Fokus [3:55 Minuten]

Mit gefährlichen Viren leben

Wegen des Corona-Virus stand auch in Bremen, wie überall auf der Welt, wochenlang das öffentliche Leben still. So sollte die Verbreitung des Virus eingedämmt werden. Inzwischen wurden die Vorschriften gelockert, aber die Frage bleibt: Müssen wir lernen, mit diesem Virus zu leben?

Silhouette eines Paares vor einem Corona-Virus (Symbolfoto) [Quelle: DPA, Christoph Hardt/Geisler-Fotopress]
Ja, wir werden in Zukunft mit dem Corona-Virus oder anderen neuen Erregern leben müssen. Darin sind sich die Wissenschaftler einig. [Quelle: DPA, Christoph Hardt/Geisler-Fotopress]

Covid-19 wird uns noch Monate beschäftigen, da sind sich Wissenschaftler sicher. Denn noch gibt es weder Medikamente noch einen Impfstoff gegen die Krankheit. Wir müssen also lernen, noch länger mit Covid-19 zu leben.

Gerd Glaeske von der Universität Bremen [Quelle: DPA, Paul Zinken]
Gerd Glaeske: " Alle tun so, als hätten sie von nichts gewusst." [Quelle: DPA, Paul Zinken]

Auch mit den Folgen, sagt Gerd Glaeske von der Uni Bremen. Und die seien absehbar gewesen. Schon 2012 hätten Forscher unter der Leitung des Robert-Koch-Instituts im "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" die Folgen einer weltweiten Verbreitung eines modifizierten Sars-Virus beschrieben. Dieses Szenario basierte auf dem Sars-Ausbruch 2003.

Wir hatten die Pläne, ein Drehbuch, wie wir mit der neuen Situation umzugehen haben. Und alle tun so, als hätten sie von nichts gewusst. Und das ist etwas, was mich ärgert: Dass man von vorneherein nicht alle Aspekte berücksichtigt hat, sondern über Wochen nur den virologischen Aspekt, nicht den gesellschaftlichen, nicht den wirtschaftlichen, nicht den Aspekt, den der Einzelne zu tragen hat, nicht die Kinder vor allen Dingen, nicht diejenigen aus schwächeren sozialen Schichten. Das alles sind Dinge, die eine Rolle spielen. Und das hat man offensichtlich viel zu wenig überlegt, obwohl es im Papier letzten Endes angesprochen war.

Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler

Lernen müssen also auch die Politiker aus Covid-19, sagt Glaeske. Denn es werde weitere Pandemien geben. Damit rechnet auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer:

... weil es eine große Mobilität gibt. Und das erleichtert natürlich, dass sich Viren verbreiten. Dazu kommt die Erwärmung des Klimas. Das heißt: Insekten oder auch andere Organismen, die Krankheiten verbreiten können, werden ein anderes Verteilungsmuster annehmen. Gerade Moskitos könnten sich in nördliche Regionen ausbreiten und damit bringen sie auch Krankheiten mit.

Andreas Dotzauer, Virologe

Beitrag von Claudia Scholz:
Mit gefährlichen Viren leben lernen [3:53 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. Juni 2020, ab 7:10 Uhr.

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