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Gott ist ein Influencer

Gebet im Zoom-Meeting, Gottesdienst mit Bandmusik, Spenden sammeln per Paypal: Freikirchliche Gemeinden gestalten ihre Gottesdienste modern und nutzen soziale Medien. Damit ziehen sie vor allem junge Menschen an. Doch die Inhalte und Regeln sind oft streng und konservativ.

Menschen stehen auf einer Bühne und feiern einen Gottesdienst mit Band. [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]
So sieht ein Gottesdienst der Hoop-Gemeinde in Bremen aus. [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]

Wenn Lisa sich mit ihrer Kleingruppe trifft, dann machen sie das in diesen Tagen über einen Videochat. Sie und sechs andere jungen Menschen unterhalten sich an einem Sonntagabend über alles, was sie bewegt – und beginnen und beenden ihre Gespräche mit Gebeten. Vlogs drehen, Kochvideos gestalten, T-Shirts designen, das tun diese jungen Menschen im Namen Gottes. "Wir kommen zusammen und suchen die Kreativität, wie sie in der Bibel beschrieben wird", erklärt Lisa und lächelt in die Kamera. Lisa und ihre Freunde sind um die 20 Jahre alt und Mitglieder in der Hoop-Kirche, einer freikirchlichen Bremer Pfingstgemeinde. Und wie in vielen Freikirchen fühlen sich gerade junge Menschen hier besonders aufgehoben.

Der Podcast zum Thema:

Vermehrte Corona-Ausbrüche in deutschen Pfingstgemeinden: Zufall – oder doch das Ergebnis eines besonders intensiv gelebten Glaubens außerhalb der traditionellen Kirchen? Was fasziniert gerade junge Menschen an diesem Weg zu Gott? Wann kann Glaube zum Problem werden? Für den Schwerpunkt-Podcast von Bremen Zwei sind Lisa-Maria Röhling, Justus Wilhelm und Nikolas Golsch tief in die Welt der Freikirchen eingetaucht.

Autor/-in: Lisa-Maria Röhling, Justus Wilhelm und Nikolas Golsch
Länge: 1:33:24 Stunden
Datum: Donnerstag, 23. Juli 2020
Sendereihe: Bremen Zwei

Gottesdienst ist für viele Menschen eigentlich mit Langeweile verbunden. Während die beiden Großkirchen zwar versuchen, moderner zu werden, verlieren sie immer mehr Mitglieder: 13.000 Menschen sind im Jahr 2019 aus den katholischen und evangelischen Kirchen in Bremen ausgetreten. Wer an seine Kindheit oder Jugend in einer traditionellen evangelischen oder katholischen Gemeinde zurückdenkt, erinnert sich wohl meist an andächtige Stille, steife Predigten und Orgelmusik.

Zwischen Chatroom und Kirche

Anders ist das bei den Freikirchen: Die Pastoren tragen T-Shirts, Spenden werden über Paypal gesammelt, die Musik steuert eine Band mit E-Gitarre und Schlagzeug bei. Im Netz erklären sogenannte Christfluencer in Videos ihren Tausenden Abonnenten, wie sie ihren Glauben leben. Kirche und Coolness, das steht sich bei Freikirchen nicht im Weg.

Ein großes Kreuz der Hoop-Gemeinde vor blauem Himmel  [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]
Die Kirchengemeinde ist für viele Mitglieder von Freikirchen ihr Lebensmittelpunkt – gerade für die jungen. [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]

Auch zur Hoop-Gemeinde, die ihre Gottesdienste jeden Sonntag in Bremen zweitgrößter Veranstaltungshalle feiert, gehören viele junge Menschen. Sie engagieren sich im Gottesdienst am Sonntag – und auch an den anderen Tagen. Basteln, Standup-Paddling oder eben Vlogs drehen, alles bietet die Kirche an. Viele haben hier, in der eng vernetzten Gemeinde, ein zweites Zuhause gefunden: "Du hast in dieser Community ein Umfeld, an dem du extrem wachsen kannst", sagt ein Gemeindemitglied bei einem Besuch in der Kirche – diesmal offline von Angesicht zu Angesicht, nicht im Videochat.

Du hast Menschen, die dich wertschätzen, die dich annehmen, wie du bist. Du merkst, dass du nicht irgendwer bist, sondern dass du einen inneren Wert hast. Damit fühlt man sich gut und aufgehoben.

Mitglied der Hoop-Gemeinde in Bremen

Dabei nutzen viele Gemeinden die Möglichkeiten des Internets: Die Kommunikation läuft über Chatgruppen, der Gottesdienst wird live über soziale Medien gestreamt, Fragen zu den Predigten werden ebenfalls im Netz beantwortet. "Bei uns ist es moderner, es gibt nicht diese traditionellen und veralteten Denkmuster", sagt ein junger Mann. "Wir versuchen unseren Glauben auch zeitgemäß zu leben. Natürlich biblisch nach Jesu' Prinzipien, aber nicht so verkrampft und veraltet." Das gilt allerdings meist nur für die Medien, die die Pfingstgemeinden nutzen. Bei den Inhalten sieht es anders aus.

Sex vor der Ehe ist tabu

Tatsächlich sind die Regeln, nach denen die Gemeinde lebt und glaubt, das Gegenteil von modern: Sie sind streng an der Bibel ausgelegt. Moderne Technik und konservative Regeln – für den Gemeindenachwuchs ist das kein Widerspruch. "Die biblischen Prinzipien gehen auf die Wurzeln des Menschen zurück, und die werden auch in 3.000 Jahren noch anwendbar sein", erklärt einer von ihnen.

Ein Bildschirm, auf dem die Zahlungsmöglichkeiten der Hoop-Gemeinde abgebildet sind. [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]
Die Freikirchen bekommen keine Kirchensteuer. Doch von ihren Mitgliedern bekommen sie freiwillig viel Geld – die Zahlungsmöglichkeiten sind modern. [Quelle: Radio Bremen, Justus Wilhelm]

Was in der Bibel stehe, sei wahr, ergänzt eine junge Frau, in allen Texten offenbare sich Gott immer wieder. Dass sie irgendwann im Himmel vor Gott stehen werde und ihm unzählige Fragen stellen könne, ist aus ihrer Sicht klar.

Ich weiß, dass wir im Himmel sein werden mit ewig vielen Engeln, die Gottes Herrlichkeit preisen. Wenn ich jetzt schon auf dieser Erde so berührt bin von dem, was Gott in meinem Leben tut und was er mir gibt, dann ist der Himmel der beste Ort, den es gibt. Ich kann es mir nur so vorstellen, dass alles in mir explodiert, wenn ich da bin.

Junge Gläubige der Bremer Hoop-Gemeinde

Was für andere Jugendliche selbstverständlich ist, ist für die jungen Pfingstler*innen tabu. Einer, der sich als Jay vorstellt, berichtet, dass er zwar in einer Beziehung ist – weil er und seine Freundin aber nicht verheiratet sind, hätten sie auch keinen Sex. "Die Bibel sagt, dass Sex in den Schutzrahmen der Ehe gehört", erklärt er. "Dabei geht es nicht darum, uns etwas zu verbieten oder uns den Spaß zu verderben. Sex ist so eine wertvolle Sache, die nur mit einem Partner im Leben geteilt werden sollte. Ich würde das niemandem aufzwingen, aber ich möchte mir das aufheben." Sex sei etwas Kostbares, etwas, was das Herz präge, ergänzt eine junge Frau. "Das ist die krasseste Ebene, die Menschen körperlich und emotional miteinander erreichen können. Ich glaube, dass es gut ist, zu gucken, wie man sein Herz gut vorbereitet."

"Jesus hat einen Plan"

Ihr Glaube geht tief und begleitet sie immer, da sind sich die jungen Menschen einig. Gott habe einen Plan für sie, er sorge für sie, er liebe die Menschen bedingungslos. Das gebe ihnen Halt, erklärt Joel.

"Egal was wir machen, wir wissen: Jesus liebt uns, vergibt unsere Schuld und das gibt uns einen Wert. Wir sind es wert, hier auf der Erde zu sein, wir sind es wert, zu leben. Wir haben eine Bestimmung, denn Jesus hat für uns einen genialen Plan, der in jedem von uns wirkt."

Joel, Mitglied der Pfingstgemeinde

Joel sagt, er spüre Gott in jedem Moment seines Lebens, habe in Zeiten der Trauer und der Wut Jesus an seiner Seite gefühlt. Besonders nah fühle er sich Gott im Gottesdienst, aber auch im Gebet, beim Musik hören oder bei Spaziergängen. "Da findet die Auseinandersetzung mit Gott statt." Denn Gott – er ist bei den Pfingstlern immer dabei.

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Wenn Glaube problematisch wird

Allerdings können die strikte Gemeindestruktur und die strengen Regeln dafür sorgen, dass sich manche Menschen in der Kirche nicht mehr willkommen oder wohl fühlen. Wollen sie die Gemeinde verlassen, hat das Konsequenzen: Viele Aussteiger*innen aus Freikirchen berichten davon, dass nach ihrem Austritt die Beziehungen zu Freunden und Verwandten in der Gemeinde komplett zusammenbrachen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Juli 2020, 18:05 Uhr

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