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Wenn Glaube problematisch wird

Viele Menschen in evangelikalen Freikirchen richten ihr gesamtes Leben an ihrem Glauben aus und folgen strengen konservativen Regeln. Das kann schwere Folgen haben: Als Bastian Melcher bemerkte, dass er schwul ist, war das ein Tabubruch für seine Gemeinde. Mit Kursen hat er versucht, seine Homosexualität zu ändern – und ist daran fast zerbrochen.

Eine Illustration des betenden Jesus [Quelle: Imago, Panthermedia]
Was ist Gottes Plan für den Einzelnen? Evangelikale Gruppierungen legen die Bibel wörtlich aus – und folgen deshalb häufig strengen und konservativen Regeln. [Quelle: Imago, Panthermedia]

Zum Anhören:
Evangelikale Freikirchen. Moderner Glaube oder Gehirnwäsche? [1:33:24 Stunden]

Als Bastian Melcher gerade 20 Jahre alt war, veränderte sich sein ganzes Leben. Er war Mitglied einer Freikirche, hatte viele Jahre ein sehr frommes Leben geführt. Doch dann zog er einen Schlussstrich – und stieg aus der Kirche aus.

Denn Bastian Melcher war nicht nur sehr gläubig, sondern auch homosexuell. Ein Tabu in seiner Gemeinde. "Weil mir immer gesagt wurde, Gott könne das ändern, hat sich ein gewaltiger Druck aufgebaut. Ich habe mich selbst gehasst und bin an mir verzweifelt", sagt er heute, knapp zehn Jahre später.

Großes Spektrum an Freikirchen

Was Bastian Melcher in seiner Gemeinde erlebt hat, ist kein Einzelfall. Das Spektrum der Freikirchen in Deutschland ist groß, schon allein einzelne Gruppierungen wie die Pfingstgemeinden umfassen viele verschiedene Ausrichtungen. Was sie eint: der große Zulauf.

Eine Gemeinde in Bremen richtet ihre Gottesdienste in der zweitgrößten Veranstaltungshalle der Stadt aus und ist stets gut besucht. Dem stehen 13.000 Menschen gegenüber, die im vergangenen Jahr aus den traditionellen Kirchen ausgetreten sind. Viele dieser Gemeinden nutzen in ihren Gottesdiensten moderne Technik, die Musik liefert eine Band und sie haben einen gut ausgearbeiteten Social-Media-Auftritt. Damit ziehen sie vor allem viele junge Menschen ab, die sich in den traditionellen Kirchen nicht mehr zuhause fühlen.

Strenge Auslegung der Bibel

So modern die Gemeinden wirken: Ihre Bibelauslegung ist es nicht. Während einige wenige Gemeinden verhältnismäßig liberal sind, bezeichnen sich viele als evangelikal. Das heißt, sie legen die Bibel wörtlich aus und leiten daraus sehr strenge, sehr konservative Regeln ab für ihr tägliches Leben.

Bastian Melcher vor einem steinernen Kreuz [Quelle: rp-pixelart]
Bastian Melcher setzt sich mittlerweile auch öffentlich für die Belange von LGBTQI-Menschen ein. Zuletzt startete er eine Petition gegen den umstrittenen Bremer Pfarrer Latzel. [Quelle: rp-pixelart]

Diese Ausrichtung könne für einige Menschen, die von der modernen und immer schneller werdenden Welt überfordert sind, eine willkommene Struktur sein, sagt Pastorin Ingrid Witte. Sie ist die Weltanschauungsbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche und beschäftigt sich intensiv mit freikirchlichen Gemeinden. Klare Richtlinien zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse könnten einigen Menschen Halt geben, so Witte.

Es fehlt die historisch kritische Bibelauslegung.

Ingrid Witte, Weltanschauungsbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche

Problematisch wird es in Wittes Augen, wenn die Bibel, die vor mehreren Tausend Jahren und damit in einem völlig anderen gesellschaftlichen Kontext geschrieben wurde, als Regelwerk genutzt werde. Denn ohne sie ergeben sich Normen, die in einer modernen Gesellschaft zu diskutieren wären: kein Sex vor der Ehe, keine Abtreibungen, Ablehnung von Homosexualität.

Gemeinschaft übt Druck aus

Der Psychotherapeut Udo Rauchfleisch hat sich intensiv mit den Strukturen in Freikirchen beschäftigt und viele Aussteiger betreut, die diese Gemeinden verlassen haben. Oft gehen die Regeln so weit, dass einzelne Mitglieder ausgeschlossen oder extrem unter Druck gesetzt werden. Das kann in einigen Gemeinden schon dann beginnen, wenn man ein paar Wochen lang nicht zum Gottesdienst kommt. Oder eben, wenn der eigene Lebensentwurf nicht zu dem passt, was vermeintlich in der Bibel steht.

Ich sollte alles dafür tun, mein Leben so zu verändern, dass es Gott gefällt.

Sebastian Melcher, stieg vor zehn Jahren aus einer Freikirche aus

So erging es Bastian Melcher: "Ein Pastor hat gesagt, dass Homosexualität nicht von Gott ist. Er hat Mann und Frau geschaffen, alles andere entspricht nicht Gottes Plan", erklärt der Aussteiger. Zunächst habe er versucht, seine Gefühle zu verändern, sozusagen nicht mehr homosexuell zu sein. Seine Vorstellung war, dass Gott alle Macht hat, Dinge zu verändern, wenn er nur genug bete. "Das habe ich auch geglaubt: Dass er homosexuelle Gefühle in heterosexuelle Gefühle umwandeln kann."

Was ist was? Evangelikale – Freikirchen – Pfingstler

Freikirchen sind unabhängig von Großkirchen wie der katholischen oder evangelischen Kirche. Das gilt für die Organisation genauso wie für die Finanzierung. Zu ihnen gehören unzählige, sehr unterschiedliche Gruppierungen. Viele Freikirchen sind protestantisch ausgerichtet, wie beispielsweise Pfingstgemeinden oder Baptisten.

Viele Freikirchen, aber auch einige evangelische Landeskirchen, sind evangelikal und damit sehr bibeltreu. Die Gläubigen wollen sich mit einem nah an der Bibel ausgerichteten Leben wieder auf die Grundpfeiler der Religion besinnen. Das geht oft mit konservativen Regeln einher, bei denen Sex vor der Ehe, Homosexualität oder Abtreibung ein Tabu sind.

Die Pfingstbewegung ist eine freikirchliche, protestantische Bewegung mit Fokus auf den Heiligen Geist. Die Pfingstler glauben, dass der Heilige Geist nach einer Art Erweckungserlebnis in sie fährt und sie danach ihren Glauben intensiver erleben und auch eine engere Verbindung zu Gott haben. Laut dem Bund freier Pfingstgemeinden machen sie in Deutschland zwei Prozent der Bevölkerung aus. 835 deutsche Gemeinden sind in diesem Dachverband organisiert, 19 davon in Bremen.

Bastian Melcher versuchte dann, mit sogenannten Konversionstherapien seine Gefühle für andere Männer zu verändern. Inzwischen sind diese Praktiken in Deutschland verboten; auch Dank Bastian Melcher, der sich für die Abschaffung eingesetzt hat. Doch vor knapp zehn Jahren habe er diese Kurse bereitwillig mitgemacht, in der Hoffnung, so auch weiter am Gemeindeleben teilnehmen zu können, sagt Melcher.

Bruch mit Familie und Freunden

Erfahrungen, die nicht nur homosexuelle Freikirchler machen, sagt der Psychologe Udo Rauchfleisch. Allen Mitgliedern müsse klar sein: Ihr Leben spiele sich komplett in der Gemeinde ab und sei deshalb auch völlig von deren Normen bestimmt. Den eigenen Weg im Zweifel auch ohne die Gemeinde gehen? Das sei schwierig.

Es gibt einen ziemlich starken sozialen Druck in diesen Gemeinden.

Udo Rauchfleisch, Psychologe

Ein Ausstieg ist deshalb nicht einfach eine Entscheidung, nicht mehr zur Kirche zu gehen. Wer seine Gemeinde verlasse, so Udo Rauchfleisch, verliere meist sein gesamtes soziales Umfeld. Für viele gehe damit ein Bruch mit Freunden und Familienmitgliedern einher. Dazu komme, dass viele Aussteigerinnen und Aussteiger mit sich selbst kämpfen – auch, weil sie mit ihrem Glauben hadern. Das kann gefährlich werden: Im schlimmsten Fall werden die Betroffenen psychisch krank.

Großer Druck, wenig Verständnis

Auch Bastian Melcher hat lange gebraucht, um sich von den Zwängen seiner früheren Gemeinde zu befreien. Der Druck wurde schließlich zu groß – sogar an Selbstmord habe er gedacht, sagt er. Er entschied sich schließlich, offen als homosexueller Mann zu leben. Sein Pastor zeigte wenig Verständnis.

Ich habe meinem Pastor erklärt, dass ich nicht mehr kann, es nicht mehr aushalte, daran verzweifle.

Sebastian Melcher

"Er war ruhig und verständnisvoll und erklärte mir, dass es manchmal Zeit brauche, bis Gott wirken könne. Er kenne selber jemanden, der seit 30 Jahren versuche, seine homosexuellen Gefühle loszuwerden", erzählt Bastian Melcher. Da sei für ihn klar gewesen, dass er diese Art von Glauben nicht mehr vertreten kann.

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Mit der Religion und seinem Glauben hat Bastian Melcher trotzdem nicht vollständig gebrochen. "Wenn meine sexuelle Orientierung in der Kirche keine Rolle gespielt hätte, ich glaube, dass sich die Dinge dann auch anders entwickelt hätten", sagt er.

Hintergrund der Recherche

Ein Corona-Ausbruch in einer Pfingstgemeinde in Bremerhaven-Lehe war der Auslöser für eine umfassende Recherche des Schwerpunkt-Teams von Bremen Zwei. Unter der Überschrift "Was Gott wirklich will" haben die Reporter*innen sich die Frage gestellt, was Freikirchen und speziell Pfingstgemeinden ausmacht, was die Gläubigen bewegt und wann Glaube problematisch werden kann.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Juli 2020, 18:05 Uhr

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