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Reportage

Medikamentenmangel in Bremen

2. August 2019

Apotheken in Bremen gehen immer häufiger bestimmte Medikamente aus. Ärzte und Apotheken kämpfen mit Lieferschwierigkeiten. Warum? Bremen-Zwei-Reporterin Kirsten Rautenberg hat sich umgehört.

Diverse verschiedene Tabletten. [Quelle: Imago, JuNiArt]
225 Medikamente sind nicht oder nur bedingt lieferbar. [Quelle: Imago, JuNiArt]

Eine Reportage von Kirsten Rautenberg:
Medikamentenmangel auch in Bremen [3:49 Minuten]

"Nicht mehr vorrätig", oder: "Das haben wir nicht mehr" – die Apothekerin Lina Seher sagt diese Sätze häufiger in letzter Zeit. Momentan sind 90 Medikamente in ihrer Apotheke nicht lieferbar.

Als ich vor drei Jahren in der Apotheke angefangen habe, waren 20 Stück normal. Da war es auch immer noch so, dass man sich Alternativen raussuchen konnte. Aber bei 90 Stück, da sind manche Medikamente dabei, da kommen wir noch nicht mal an irgendeine Art von Wirkstoff.

Lina Seher, Apothekerin

225 Medikamente nicht oder nur bedingt lieferbar

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte meldet sogar noch mehr: 225 Medikamente seien momentan nicht oder nur bedingt lieferbar. Vor sechs Jahren waren es gerade mal 40. Der Grund dafür: Pharmafirmen lassen aus Kostengründen ihre Produkte im Ausland herstellen. Die kommen häufig mit der Produktion nicht hinterher. Engpässe kann es aber auch geben, weil immer weniger Firmen beauftragt werden, einen Wirkstoff zu produzieren. Wenn ausgerechnet diese Firma dann ausfällt, gibt es keine Lieferungen mehr:

Am Beispiel Ibuprofen lässt es sich am leichtesten erklären. Da gab es Probleme in der Herstellung des Grundstoffs. Hab ich den Grundstoff nicht, kann ich als Hersteller natürlich mein Medikament auch nicht produzieren. (...)

Lina Seher, Apothekerin

Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen

Apothekerin holt Arzneien aus einem Medikamenten-Schrank in einer Apotheke. [Quelle: Imago, Momentphoto/Robert Michael]
Apotheken können derzeit häufig auch keine Alternativen anbieten. [Quelle: Imago, Momentphoto/Robert Michael]

Dabei sind es nicht mal ungewöhnliche Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, sondern Schmerzmittel, blutdrucksenkende Mittel, Insulin und Impfstoffe. Wenn dann ein Mittel nicht lieferbar ist, muss der Kunde zurück zu seinem Arzt und sich mit einem anderen Medikament neu einstellen lassen. Gerade Blutdruck- und Insulin-Patienten haben oft mit Nebenwirkungen zu kämpfen, weil sie das neue Medikament nicht vertragen. Der Gynäkologe Lutz Hoins sagt, dass diese Engpässe ein neues Phänomen sind.

Bei Impfstoffen gab es das immer schon, weil Impfstoffe eine unglaubliche Qualitätssicherung haben. Aber ansonsten aus meinen Anfängen aus der Medizin vor 30 Jahren kenne ich das gar nicht, dass wir solche Lieferengpässe gehabt haben.

Lutz Hoins, Gynäkologe

In seiner Praxis ist derzeit akut eine bestimmte Anti-Baby-Pille nicht lieferbar.

Probleme für Demenzkranke

Zurück in der Apotheke bei Lina Seher. Sie erzählt von den Patienten, an die man im Zusammenhang mit Medikamentenmangel nicht zuerst denken würde. Patienten, die zwingend das gleiche Medikament brauchen, weil sie sich an kein anderes gewöhnen können:

Eine für mich der schlimmsten Konsequenzen ist eigentlich, wenn ich jetzt am Beispiel von einem Blutdruckmedikament jemanden Blindes oder Demenzkrankes vor mir habe. Der Blinde erkennt plötzliche seine Tabletten nicht mehr, weil sie nicht mehr die richtige Form hat, dem kann man das aber gut erklären. Viel schlimmer finde ich dann die Demenzkranken, die haben immer ihre weiße Tablette bekommen, aufgrund von einer Nichtverfügbarkeit ist die jetzt plötzlich rosa. Und im schlimmsten Fall nimmt er die gar nicht, weil er die ja gar nicht kennt. (...)

Lina Seher, Apothekerin

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. August 2019, 07:10 Uhr

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