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Können Videospiele Kunst sein?

22. August 2018

Die größte Video- und Computerspielmesse in Europa, die Gamescom, hat jetzt auch für Privatbesucher geöffnet. Der eine Teil der Medienwelt ist total begeistert von allem Neuen, die andere Seite pflegt ihre Bedenken: Fördern Videospiele nicht die Gewaltbereitschaft? Was macht das mit den Kindern? Warum Videospiele auch Kunst sein können, erklärt Bremen-Zwei-Reporter Florian Bänsch.

Gäste spielen auf der Gamescom Computerspiele [Quelle: Imago, Revierfoto]
Gäste spielen auf der Messe Gamescom in Köln Computerspiele. [Quelle: Imago, Revierfoto]

Bremen Zwei: Florian, was findest du denn so toll an Videospielen?

Videospiele sind toll, weil sie Geschichten erzählen, genau wie Filme und Bücher auch. Das ist derselbe Reiz. Es ist ein neues Medium, in dem wir Geschichten erzählen, und da gibt es Gutes wie Schlechtes.

Hört sich ein bisschen so an, als würdest du sagen, das ist Kunst, was es da auf der Gamescom gibt.

Ja, natürlich ist das Kunst. Aber die Frage ist ein bisschen unglücklich gestellt, weil die Menschen so sehr beschützerisch sind mit diesem Wort Kunst. Ich würde eher sagen: Es gibt unter Videospielen ganz klar Werke, die sind kulturell und intellektuell sehr wertvoll. Da wird gefühlt und erforscht und da wird der Mensch erkundet und das ist schade, dass das so wenig Leute wissen oder anerkennen. 2008 wurden Spiele vom Deutschen Kulturrat offiziell als Kulturgut bezeichnet. Das ist zehn Jahre her, und wir diskutieren immer noch, ob die Kinder daddeln dürfen.

Das ist natürlich auch deshalb ein Thema: Wenn über Videospiele gesprochen wird, dann wird darüber gesprochen, dass in diesen Spielen geballert wird, dass da getötet wird, dass sie süchtig machen. Das musst du zugeben, dass diese Dinge auch passieren.

Diese Dinge passieren. Nur weil geballert und getötet wird, heißt das aber nicht, dass das nicht kulturell wertvoll oder klug sein kann. Ja, das ist die Welt, in der Super Mario auf Pilze springt und das ist die Welt, in der Lara Croft ihre Brüste durch die Kamera schwenkt, und in der geflügelte Dämonen mit Blutspritzern gegen Alien kämpfen. Aber was heißt das? Man sieht in der Straßenbahn auch eher jemanden "Twilight" als Dostojewski lesen. Das heißt nicht, dass lesen dumm macht. Was man eben sieht aus dieser Welt, wenn man nicht drinsteckt, ist sowas wie: Mein Sohn spielt "Fortnite" oder "Call of Duty" oder "Fifa" und man versteht nicht, wie man seine Zeit damit verschwenden kann.

Aber seit 30, 40 Jahren gibt es hier Künstler und Entwickler, die gießen ihr Herzblut in die wundervollsten Geschichten und die wundervollsten Figuren, kluge Texte und Momente. Wobei ich "Call of Duty" oder auch "GTA", das ja oft in den Medien ist in dieser Diskussion, oder das allseits beliebte "Counterstrike", das will ich jetzt gar nicht dumm nennen. Die sind sehr zynisch, sehr gewalttätig, sehr übertrieben, aber im "Paten" oder bei "Breaking Bad" wird auch viel geballert und diese Geschichten setzen sich mit etwas auseinander, was die Leute beschäftigt: Mord und Totschlag.

Wo du jetzt so schwärmst, nenne uns doch mal ein Beispiel für Spiele, von denen man sonst überhaupt nichts hört.

Eines der größten Spiele auf der Gamescom wird der zweite Teil der Reihe "The Last of us" sein. Das ist eine ganz intime und ganz traurige Geschichte über den Verlust von geliebten Menschen und über das Elternsein in einer sehr pessimistischen Welt. In diesem Spiel nimmt der Spieler die Rolle eines Vaters ein, der sein Kind verliert – auf eine ganz furchtbare und sinnlose Weise. Und damit muss er klarkommen. Und die Rolle einer jungen Frau, die in diese Ersatztochter-Rolle gedrängt wird, wo sie gar nicht hinwill.

Man beteiligt sich an diesem Prozess auf eine Art, die in einem Buch oder einem Film gar nicht möglich wäre. Man ist selber dafür verantwortlich, dass diese Geschichte vorangetrieben wird. Das ist ein Riesending, es hat zwei Millionen Einheiten verkauft und der Autor dahinter ist ein Star geworden, aber außerhalb der Videospielwelt kennt das keiner. Das Ganze basiert auf einem Roman namens "Die Straße", der ist vor ein paar Jahren erschienen. Das hat natürlich einen literarischen und kulturellen Anspruch.

Und würdest du sagen, jetzt sollten wir uns doch alle mal damit auseinandersetzen, vielleicht auch das ein oder andere Spiel kaufen?

Ich würde sagen: Wer diese Welt zu schnell abtut oder ablehnt, der verpasst was. Das sind große Leidenschaften, tolle Geschichten, guter Sport und auch natürlich große Kunst.

Neue Computerspiele mit Anspruch bei der Gamescom [4:47 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. August 2018, 6:46 Uhr.

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