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Gleichberechtigung

Trifft Frauen die Corona-Krise härter?

Im Augenblick fühlen sich viele in die 50er Jahre versetzt. Denn wo Schulen, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen schließen, Kinder und Senioren zuhause betreut werden müssen, kommt bei vielen das altbewährte System der familiären Arbeitsteilung wieder zum Tragen: Frau bleibt zuhause, Mann geht arbeiten. Warum sind alte Rollenbilder so mächtig? Dazu Gespräche mit Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Autorin Jagoda Marinić.

Eine Frau sitzt zu Hause am Schreibtisch und arbeitet. Neben ihr spielt ein Kind [Quelle: Imago, photothek]
Zuhause arbeiten, Kinder betreuen, für die Familie sorgen: Alltag für viele Frauen. [Quelle: Imago, photothek]

Erste Analysen zur Lebens- und Arbeitszufriedenheit zeigen, dass junge Mütter zur Zeit am unzufriedensten sind, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. Denn sie haben mehr zu schultern als die Doppelbelastung von Beruf und Familie; sie seien auch Musikerzieherin, Sportlehrerin, Ersatz für Freunde. Dazu kommt die Versorgung: Einkauf, Kochen, Haushalt.

Alles, was an die Gesellschaft abgegeben werden konnte, ist wieder in der Familie zurück.

Zwei Personen im Homeoffice, die sich auch die Kinderbetreuung teilen können – das sei eine luxuriöse Situation, sagt Allmendinger. Allerdings sei auch in diesen Konstellationen die Arbeit häufig nicht gleich verteilt.

Jetzt kommt raus, dass wir uns nicht um eine gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit gekümmert haben. Die alten Rollenbilder sind mächtig und stabil.

Was ist systemrelevant?

Rollback in die 50er Jahre? Vati arbeitet. Mutti oft auch – und kümmert sich um Kinder, alte Menschen, Haushalt. Stimmt dieser Eindruck, der sich in der Corona-Krise aufdrängt?

Autor/-in: Tom Grote
Länge: 4:35 Minuten
Datum: Dienstag, 21. April 2020
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Allerdings seien diejenigen, die zuhause arbeiten, nicht die Gruppe, um die sie sich sorge. Wirklich schwierig sei die Situation für Frauen, die geringfügig beschäftigt sind, Frauen in Kurzarbeit, kleine Selbständige. In all diesen Familien kommt zu den Belastungen durch die Corona-Pandemie noch die Sorge um den Arbeitsplatz oder die finanzielle Situation. Außerdem leben viele über Wochen auf engem Raum zusammen.

So schwierig die Situation für viele auch ist, sieht Allmendinger auch etwas Positives: Die Bewertung von Arbeit werde sich ändern. Denn jetzt, während der Corona-Pandemie, habe sich gezeigt, welche Berufe wirklich systemrelevant sind.

Wir werden uns anders aufstellen für das nächste Virus.

"Wir dürfen Menschen nicht unsichtbar machen"

Es gebe die Gefahr, in Krisenphasen Frauen zurückzusetzen, sagt die Autorin Jagoda Marinić. Das gelte auch für diese Zeit der Corona-Pandemie.

Die Strukturen sind männlich. Fast, als gäbe es ein Naturgesetz der männlichen Dominanz.

Das bezieht Marinić nicht nur auf Deutschland. Gerade in anderen Ländern sei die Lage der Frauen oft sehr schwierig, es gelte gesellschaftlche Rückschritte zu verhindern.

Wir drohen in eine Krise des Feminismus zu geraten. Und es ist an jedem, dafür zu sorgen, dass wir dort nicht landen.

Frauen sind in Gefahr, in Krisenzeiten wie diesen zurückgesetzt zu werden, sagt die Autorin Jagoda Marinic. Sie fordert große demokratische Debatten, und fürchtet eine Krise des Feminismus.

Länge: 5:32 Minuten
Datum: Dienstag, 21. April 2020
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Studien, die nach Epidemien wie Ebola oder Zika durchgeführt wurden, hätten gezeigt, wie wichtig es sei, gesellschaftliche Themen wie Rollenverteilung, Teilhabe, Schutz der Schwachen nicht zu vernachlässigen. Wenn man diese Themen vergisst, dann leiden die Gesellschaften fünf Jahre im Nachgang, sagt Jagoda Marinić.

Es muss im Interesse aller liegen, dass die Gesellschaft in ihrer Vielfalt vital bleibt, (...) dass die Demokratie vital bleibt. Das Virus darf nicht dafür sorgen, dass wir eine Zeitreise in die Vergangenheit machen.

Die Corona-Pandemie fördert Diskussionen jenseits von Lagerbildung, denn jetzt zeige sich, dass wir wirkliche große Probleme haben. Plötzlich halte die Gesellschaft zusammen. Um die Herausforderungen zu lösen, brauche man jetzt nicht nur Virologen, sondern Menschen aller Professionen, die sich beteiligen.

Wir brauchen maximal demokratische Debatten (...). Wir dürfen Menschen nicht unsichtbar machen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. April 2020, 8:10 Uhr und 12:35 Uhr.

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